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Wissenschaftliche Arbeit und klinische Praxis

Lurija Institut

Am 12. Mai 1997 gründeten die Gemeinnützige Stiftung Schmieder für Wissenschaft und Forschung und die Universität Konstanz das Lurija Institut für Rehabilitationswissenschaften und Gesundheitsforschung an der Universität Konstanz.

Das Lurija Institut verbindet auf einzigartige Weise klinische Praxis mit wissenschaftlicher Arbeit. Seit vielen Jahren arbeitet das Institut dabei sehr eng mit der Universität Konstanz, aber auch mit vielen anderen Universitäten zusammen. Die eng vernetzten Forschungskooperationen und die Möglichkeit, Krankheitsverläufe über lange Zeiträume hinweg, während eines oder mehrerer Rehabilitationsaufenthalte, zu untersuchen, ist deutschlandweit einmalig. Die Erkenntnisse aus den Forschungsarbeiten geben wertvolle Impulse für die Entwicklung neuer, innovativer Therapiestrategien. Das Lurija Institut ist damit ein wichtiger Antriebsmotor für die Neurologische Rehabilitation, um immer wieder höhere Qualitätsstandards für unsere Patienten erreichen zu können. 

Zahlreiche Erkenntnisse aus Forschungsarbeiten sind bereits in konkrete Therapiekonzepte umgewandelt worden. Um nur einige zu nennen: Spiegel-Neuronen-Therapie bei Schlaganfallpatienten, Behandlung von Fatigue bei MS-Patienten oder Intensivtherapie bei Aphasie.

Der Name des Lurija Institutes ehrt das Werk von Alexander Romano­witsch Lurija (1902 bis 1977), einem der Mitbegründer der Neuropsychologie, Neurolingu­istik und Neurologischen Reha­bilitation. Seine Theorien der Plastizität des Gehirns und seine Verfahren zur Untersuchung und Rehabilitation von hirngeschädigten Menschen sind grundlegend für viele Behandlungsverfahren zur Rehabilitation einzel­ner Hirnfunktionen. Der 1902 in Kasan geborene Lurija studierte zunächst Sozialwissenschaften, bevor er sich 1920 der Psychologie zuwandte. Als Psychologieprofessor beschäftigte er sich in den dreißiger Jahren mit Zwillingsforschung sowie Unter­suchungen über Denken und Sprechen. Parallel zu dieser Forschungstätigkeit nahm er das Studium der Medizin auf, das er 1937 abschloss. Er behandelte im Zweiten Weltkrieg als Sanitätsoffizier hirnverletzte Soldaten an einer Neurochirurgischen Klinik im Ural. Dort entstand die Basis der Neuropsychologie und Neurolinguistik, die er als Arzt am Institut für Neu­rochirurgie in Moskau in den 50er und 60er Jahren begründete. 1950 wurde er aus ideo­logischen Gründen von seinem Posten entfernt und konnte erst später wieder seine Forschungen offiziell fortführen. Er starb 1977. Seine Arbeiten fan­den in der ganzen Welt, besonders in den USA, große Beachtung und sind in der Fachliteratur bis heute von grundlegender Bedeutung.

Bereits vor der Institutsgründung gab es gemeinsame Forschungsprojekte mit der Universität Konstanz. Seit den 1970er Jahren arbeiteten Prof. Rudolf Cohen, damals Professor für Klinische Psychologie an der jungen Konstanzer Universität, und Prof. Friedrich Schmieder eng zusammen. Es entstanden Dissertationen und Diplomarbeiten und sie führten gemeinsame Kolloquien durch. Inzwischen gibt es viele weitere Forschungsprojekte auch mit den Neurologischen Universitätskliniken in Freiburg, Heidelberg, Magdeburg. Aachen und Tübingen. Grundlage dieser Kooperationen sind die unterschiedlichen Zeiträume, in denen sich Patienten in der Universitätsklinik bzw. in der Rehabilitationsklinik befinden. In der Akutklinik bleiben sie oft nur wenige Tage, so dass Untersuchungen zum langfristigen Verlauf nicht möglich sind. Hier werden Kooperationen mit Rehabilitationseinrichtungen also notwendig und sinnvoll.

Die Forschungsgeschichte des Lurija Instituts lässt sich in drei Phasen gliedern.

In der ersten Phase (1997– 2002) hatte das Institut ein breites Themenspektrum. Es reicht von der Entwicklung des Phasenmodells der Neurologischen Rehabilitation über motorische Defizite bei Patienten mit Schädelhirntrauma, Sprach- und Sprechstörungen bis hin zu Depressionen nach einem Schlaganfall. Viele dieser Projekte wurden aus Forschungsmitteln von Ministerien, Rentenversicherungen, der Hannelore-Kohl-Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert. 

In der zweiten Phase (2002 – 2004) überwogen universitäre Forschungsprojekte, z.B. zur Bewegungsanalyse oder zu Aphasien. In den Jahren 2003 und 2004 folgte eine Neuorientierung: Alle an Forschung interessierten Mitarbeiter in den Kliniken Schmieder sollten beteiligt und gefördert werden; 21 Projektideen entstanden, aus denen in Kooperation mit Prof. Cornelius Weiller als Forschungsdirektor der Stiftung Schmieder besonders förderungswürdige ausgewählt wurden. Viele dieser Projekte nutzten moderne bildgebende und elektrophysiologische Verfahren wie die funktionelle Kernspintomographie und die transkranielle Magnetstimulation. 

Mit dem Start dieser von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kliniken Schmieder initiierten Projekte begann die dritte Phase der Forschungsaktivitäten im Lurija Institut. In den kommenden Jahren wird der Fokus auf dem Transfer der Forschungsergebnisse in die tägliche rehabilitative Arbeit liegen. Diese Umsetzung wird wesentlich den Ärztlichen Leitungen und den therapeutischen Fachkompetenzleitungen obliegen.