Zu den Inhalten springen
Schriftgröße
+
Patientenportrait: Andrea Kienzle-Angelidis

„Ich wusste eine ganze Zeit lang nicht mehr, wie ich heiße"

Es gibt viele mögliche Kraftquellen. Für Andrea Kienzle-Angelidis ist eine davon die Natur und vor allem Bäume, die ihr Kraft schenken
Ostersonntag 2013: Andrea Kienzle-Angelidis ist bei ihren Eltern. Es gibt Kaffee und Kuchen. Plötzlich spürt sie ihre Arme nicht mehr, ihr wird übel und sie muss sich übergeben. Der Druck auf der Brust nimmt zu. Ein Notarzt ist innerhalb weniger Minuten vor Ort. In der Akutklinik kollabiert sie. Herzinfarkt. Man versucht sie dreißig Minuten lang mehrmals zu reanimieren – jedes Mal ohne Erfolg. Ein letzter Versuch mit dem Defibrillator bringt sie buchstäblich in letzter Minute zurück ins Leben. Ihr Gehirn blieb eine halbe Stunde ohne Sauerstoff. Als die Konstanzerin aufwacht, erinnert sie sich an nichts mehr. Nach sechs Wochen wird sie in die Frührehabilitation nach Allensbach verlegt. Vier Monate später verlässt sie die Klinik in der Phase D. Für das Jahr 2014 hat sie das Ziel, langsam wieder in ihre Arbeit als Haushälterin auf der Insel Mainau zurückzufinden.

„Den Ostersonntag werd ich nie mehr vergessen, wie ich da bei meinen Eltern sitze, bei Kaffee und Kuchen und mir wird plötzlich schlecht, ich spür meine Arme nicht mehr, ich muss mich übergeben und der Druck auf der Brust nimmt zu, als ob da jemand zentnerschwer draufsitzt. Nachdem der Notarzt mich in die Klinik gebracht hat, kippte ich einfach bei der Aufnahme weg und weiß nichts mehr. Nichts von den fast vergeblichen Versuchen mich zu reanimieren, nichts von der Zeit danach im Konstanzer Klinikum; ich wusste nicht mehr wie ich heiße, ich wusste nicht mehr wo ich war. Ich war komplett desorientiert. Worte fielen mir nicht mehr ein, ich konnte nicht mehr schreiben, nicht mehr richtig sprechen, aber ich erkannte noch meine Familie, die mir in der Reha sehr, sehr viel geholfen hat.

In Allensbach war ich zunächst auf einer codegesicherten Frührehastation der Phase B untergebracht, da ich noch ziemlich desorientiert war. Ich erhielt eine Vielzahl von Therapien wie Physio- und Ergotherapie, Pilates, Bewegungstherapie oder auch Konzentrationstraining mit den Neuropsychologen. Mir hat in der damaligen Zeit wohl am meisten das Computertraining in der Neuropsychologie geholfen. Dort wurde mittels spezieller Programme mein Reaktions- und Konzentrationsvermögen trainiert. Sehr geholfen hat mir auch alles was mit Bewegung zusammenhing: die Physiotherapie, das Nordic-Walking, die Spaziergänge und auch die vielen guten Tipps zur Schmerzreduktion in der Achsel und der Gegend um das Brustbein, das sehr druckempfindlich war. Große Fortschritte machte ich auch beim Gedächtnis- und Sprachtraining, da steckte sehr viel Therapiearbeit drin. Mir fielen Wörter nicht mehr ein oder ich konnte sie nicht mehr aussprechen. Ebenfalls hat es beim Lesen und Schreiben anfangs nicht nur gehapert, es war katastrophal. Aber jetzt kann ich wieder beides sehr gut.

Während der Reha haben mir meine Familie, meine drei Söhne, meine Mutter, meine Schwester und mein Bruder sehr geholfen. Aber auch meinen Baum auf dem Klinikgelände besuchte ich fast jeden Tag, er war wie eine Kraftquelle für mich, seine Rinde, seine Wärme, die Blätter, die mir Hoffnung gaben.

Meine Ziele für 2014 sind vor allem, mich wieder zuhause zurechtzufinden, Einkaufen gehen, Kochen, viel Spazieren gehen und langsam, stundenweise wieder auf der Mainau in der Gastronomie und im Haushalt der gräflichen Familie zu arbeiten. Mir ist klar, dass ich in Zukunft dabei mehr auf mich und meinen Körper achten muss, das ist ganz wichtig.

Anderen Patienten, die ein ähnliches Schicksal wie ich haben, würde ich gerne Mut zusprechen, dass sie am Ball bleiben trotz vieler Hochs und Tiefs, die bestimmt kommen. Ich hatte einen Klinikkoller und musste mich manchmal zwingen, die Therapien zu machen. Ich wünsche jedem, dass ihn die Reha einen kleinen Schritt weiter bringt und noch viele folgen werden.

Anoxische Hirnschädigung

Nach einem Herzinfarkt kann es innerhalb weniger Minuten zu schwersten Störungen der Hirnfunktionen durch Sauerstoffmangel kommen. Bei einer schweren anoxischen Hirnschädigung kommt es im Gehirn zu diffus verteilten Zelluntergängen in fast allen Hirnregionen. Folgen davon können kognitive Einschränkungen sein, motorische Funktionseinschränkungen, Aggressivität, Desorientierung, Unruhe, Sprach- und Gedächtnisstörungen. Das Gehirn ist eines der stoffwechselaktivsten Organe des Menschen und benötigt ständig Sauerstoff. Bereits sechs bis zehn Sekunden nach einer vollständigen Unterbrechung der Hirndurchblutung wird ein Mensch bewusstlos, nach drei bis sechs Minuten treten irreversible Zellschäden auf.