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Multiple Sklerose

(MS)

Einführung
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Entmarkungserkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), deren Ursache trotz großer Forschungsanstrengungen noch nicht geklärt ist. Sie ist neben der Epilepsie eine der häufigsten neurologischen Krankheiten bei jungen Erwachsenen und von erheblicher sozialmedizinischer Bedeutung.

Multiple Sklerose, eine entzündliche Krankheit des Nervensystems, bei der Sehstörungen, Lähmungen, Gleichgewichtsstörungen u.a. auftreten können, ist nicht heilbar. Progression und Auswirkungen lassen sich jedoch begrenzen, wenn frühzeitig mit der Therapie begonnen wird und auch kognitive Defizite wie Aufmerksamkeitsstörungen, eine ungewöhnlich schnelle Ermüdbarkeit (Fatigue), Spastik und begleitend auftretende psychiatrische Erkrankungen behandelt werden. Durch den hohen Anteil an MS-Patienten – jährlich rund 20 Prozent der Patienten in den Kliniken Schmieder Konstanz – hat sich bei Ärzten, Therapeuten und in der Pflege eine große Kompetenz entwickelt, den Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden. Um diese Kompetenz zu erweitern und zu verbessern, führen wir regelmäßige Fachveranstaltungen und Schulungen der Mitarbeiter durch. 

Entgegen der landläufigen Meinung führt Multiple Sklerose nicht zwangsläufig zu schweren Behinderungen. Auch viele Jahre nach Beginn der Erkrankung bleibt die Mehrzahl der Patienten noch gehfähig. Doch die Krankheitsverläufe sind sehr unterschiedlich. So entwickelt ein Teil der Betroffenen nur vorübergehend Symptome und kann viele Jahre den gewohnten Alltag leben. Bei anderen Patienten wiederum ist der Verlauf schneller und die Behinderungen nehmen zu. Ebenfalls ist es nicht möglich eine sichere Vorhersage über den weiteren Verlauf der Krankheit zu geben.

In der gesamten Bundesrepublik gibt es etwa 200.000 Betroffene, weltweit schätzungsweise 2,3 Millionen. Die Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu Entzündungen und Gewebeschädigungen führt, kann sich in einer Vielzahl von Beschwerden äußern. Mit medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen versucht man Beschwerden zu lindern, Komplikationen vorzubeugen und die Häufigkeit von Schüben zu reduzieren. 

Der Name "Multiple Sklerose" erklärt sich wie folgt: Bei MS entstehen in der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark verstreut vielfache (multiple) entzündliche Entmarkungsherde, die vermutlich durch den Angriff körpereigener Abwehrzellen auf die Myelinscheiden der Nervenzellfortsätze verursacht werden. Dadurch entstehen verhärtete Vernarbungsstellen (Sklerose).

Die Entstehungsursache der Erkrankung konnte bisher nicht geklärt werden.

Die Kliniken Schmieder Konstanz sind auf die Behandlung von Multipler Sklerose spezialisiert. Seit Oktober 2006 (Kliniken Schmieder Konstanz) und 2015 (Kliniken Schmieder Gailingen) besitzen wir das Zertifikat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) als „Anerkanntes Multiple-Sklerose-Zentrum“. Wir erfüllen damit die strengen Kriterien des Bundesverbandes und bieten die geforderten hohen Qualitätsstandards in Ausstattung, Dokumentation und Therapie.

Behandlung von MS
Prof. Dr. Christian Dettmers erläutert in einem Artikel Therapiemethoden und Perspektiven bei der Behandlung der MS: neuro aktuell (PDF)

Ursachen
Die Ursachen für Multiple Sklerose sind nicht bekannt. Es lassen sich jedoch Risikofaktoren bestimmen, die in Verbindung mit der Erkrankung stehen. Liegen sie vor, steigt die Wahrscheinlichkeit an MS zu erkranken.

Genetik
Genetische Veränderungen können bei MS eine Rolle spielen und mitursächlich sein. So kann beispielsweise in einer Familie die Erkrankung gehäuft auftreten. Mittlerweile konnte die Wissenschaft einen Genort auf dem Chromosom 6 lokalisieren, der für immunologische Prozesse relevant ist und an dem man Veränderungen bei MS feststellen konnte.

Umwelt
Auch geographische Einflüsse sind relevant. So konnte nachgewiesen werden, dass Menschen am Äquator weniger an MS erkranken als Menschen in Nordamerika und Nordeuropa. Ebenfalls spielt die Sonneneinstrahlung eine Bedeutung in einer frühen Phase der immunologischen Prägung des Menschen. In diesem Zusammenhang ist auch die Bildung des Vitamin D im Körper wichtig, die Einfluss auf das Immunsystem hat.

Viren
Immer wieder in der Diskussion sind Viren als Erreger von MS. Wissenschaftlich hat sich dies jedoch nicht nachweisen lassen. Einfluss auf das Immunsystem können aber Viren haben, die es zu selbstagressiven Verhaltensweisen führen (Epstein-Barr-Virus).

Die Ursachen der Multiplen Sklerose sind unbekannt. Lediglich Risikofaktoren lassen sich feststellen, die aber nicht aussagekräftig genug sind (z.B. Virusinfekte, Sonneneinstrahlung während der Schwangerschaft / Vitamin-D-Spiegel oder auch Gendispositionen).

Symptome
Da die Entmarkungsherde bei Multipler Sklerose im gesamten zentralen Nervensystem auftreten können, kann die Multiple Sklerose fast jedes neurologische Symptom verursachen.

Die meisten Patienten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, wenn die Symptome zum ersten Mal auftreten. Bei mehr als einem Drittel der Patienten fängt die MS mit Gefühlsstörungen an: Arme oder Beine fühlen sich taub an oder es kribbelt auf der Haut. Viele Patienten fühlen sich müder als sonst und sind schnell erschöpft, haben Blasenstörungen oder fühlen sich unsicher beim Gehen und Stehen. 

Sehstörungen mit Minderung der Sehschärfe und Störungen der Augenbewegung (internukleäre Ophthalmoplegie) sind ebenfalls typisch, aber nicht spezifisch für die Multiple Sklerose. Einige Patienten leiden unter Kraftlosigkeit in den Armen oder Beinen oder haben Schmerzen. Die geschilderten Symptome können einzeln, aber auch gleichzeitig auftreten. 

MS-Schub
Äußern sich Entzündungsherde bei MS-Kranken mit schubartig stark zunehmenden Beschwerden, sprechen Mediziner von einem Schub. Nach einem ersten Schub können die Beschwerden verschwinden und nach einer Weile wieder auftreten. Manchmal kommen andere Symptome hinzu, die ebenfalls wieder zurückgehen können. 

Der Verlauf von Multipler Sklerose ist individuell sehr unterschiedlich. Bei einigen Menschen mit MS gehen die Beschwerden nach einem Schub wieder komplett zurück, bei manchen nur teilweise. Bei manchen wird die Krankheit nach einigen Schüben, nach denen sich die Beschwerden immer wieder zurückbilden, im späteren Verlauf kontinuierlich stärker. Manchmal nehmen die Beschwerden auch von Anfang an gleichmäßig immer mehr zu und Schübe lassen sich nicht erkennen – in diesem Fall spricht man von einem progredienten Verlauf.

Häufige Symptome

Lähmungen

Empfindungsstörungen

Sehstörungen

Gleichgewichtsstörungen

Blasen-, Darmstörungen

Schluckstörungen

Sprechstörungen

Augenstörungen

Diffuse Symptome

Vermehrte Erschöpfbarkeit (Fatigue)

Depression, Antriebsschwäche

Kognitive Störungen, Merkfähigkeit

Schmerzen (z.B. diffus, krampfartig)

Behandlung

Multiple Sklerose ist nicht heilbar. Ziel aller therapeutischen Maßnahmen ist es, die Unabhängigkeit des Patienten im Alltag zu erhalten und die beste erreichbare Lebensqualität zu gewährleisten. Die bestehenden therapeutischen Möglichkeiten lassen sich in die Schubtherapie, die immunmodulierende Langzeittherapie und die Behandlung symptomatischer Beschwerden unterteilen. Das Erreichen der Therapieziele setzt eine gute Zusammenarbeit von Patient und Behandlungsteam voraus. Die Auswahl der therapeutischen Maßnahmen berücksichtigt immer den individuellen Fall des Patienten und seine persönlichen Zielsetzungen. 

Die Wahl der Therapieformen unterscheidet sich in vielen Punkten auch danach, ob es sich um eine schubförmig verlaufende oder primär progrediente Form der Erkrankung handelt. 

Eine Schubtherapie ist bei starker, schubweise auftretender funktioneller Beeinträchtigung des Patienten angezeigt. So kann zum Beispiel die Gabe von hochdosierten therapeutischen Glucocorticoiden während eines Schubes die Rückbildung von Symptomen initiieren und beschleunigen. Glucocorticoide wirken entzündungshemmend. Unter anderem vermindern sie auch die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke, so dass weniger weiße Blutkörperchen in die Entzündungsherde im zentralen Nervensystem einwandern können.

Die Therapie zielt darauf ab, die Entzündungsreaktionen im Zentralen Nervensystem zu dämpfen und neurologische Defizite auf diese Weise zu mindern. Auch wenn an vielen Stellen keine Unterscheidung zwischen Immunmodulation und Immunsuppression stattfindet, sind die zwei Begriffe klar voneinander zu trennen:

  • Die immunmodulierende Therapie umfasst die Behandlung mit Beta-Interferonen, Glatirameracetat, intravenösen Immunglobulinen (IVIG) und Natalizumab. Wie und warum diese Substanzen wirken ist nicht immer vollständig bekannt. Lediglich zum Natalizumab kann man sagen, dass es speziell entwickelt wurde, um den Fluss weißer Blutkörperchen in das zentrale Nervensystem zu vermindern.
  • Immunsuppressiva sind Mitoxantron, Azathioprin und Cyclophosphamid. Alle diese Stoffe beschränken die Vermehrung der weißen Blurkörperchen.

Im Verlauf der MS können viele Symptome zu einer Verminderung der Lebensqualität führen. Die jeweiligen Funktionsstörungen und ihr Ausmaß sind dabei bei jedem Patienten unterschiedlich ausgeprägt. Besonders häufig und einschränkend sind Spastik, Schmerzen, Blasenfunktionsstörungen, Sprech- und Schluckstörungen, eine schnellere psychische und physische Ermüdbarkeit (Fatigue-Syndrom) sowie depressive Störungen. Zur Behandlung dieser Symptome eignen sich neben Änderungen der Lebensführung physiotherapeutische, logopädische, ergotherapeutische, psychotherapeutische, medikamentöse und operative Maßnahmen. Besonders wichtig ist die vorbeugende Prophylaxe gegen schwerwiegende Komplikationen wie z. B. Lungenembolien, Thrombosen, Gelenkkontrakturen oder Harnwegsinfektionen. Diese Komplikationen sind mit für die im Vergleich zur Gesamtbevölkerung verminderte Lebenserwartung bei MS-Patienten verantwortlich. 

Spastische Tonuserhöhungen der Muskulatur kommen durch Herde in der Pyramidenbahn zustande. Sie können direkt Schmerzen oder ein Spannungsgefühl verursachen oder über Folgezustände wie Muskel- und Gelenkkontrakturen, Fehlstellungen und Immobilität zu Schmerzen führen. Eine Physiotherapie ist bei pathologischen Tonuserhöhungen immer geboten. Mittels Krankengymnastik lässt sich dabei die tonisch erhöhte Muskulatur inhibieren (hemmen) und detonisierte Muskulatur und Bewegungskoordination aktivieren bzw. fazilitieren (bahnen). Medikamentös kann oral beispielsweise mit Baclofen oder Tizanidin behandelt werden. Umschriebene spastische Tonuserhöhungen können auch mit Injektionen von Botulinumtoxin behandelt werden. Eine weitere Option besteht in der Gabe von Baclofen oder Triamcinolon direkt in den Subarachnoidalraum im Bereich der Lendenwirbelsäule (intrathekale Applikation).

Schmerzen können bei MS-Patienten vielfältige Ursachen haben. Die direkt durch Entzündungsherde verursachte Trigeminusneuralgie, die anfallsweise auftritt, kann medikamentös behandelt werden. Auch chronische Schmerzen (meist der Extremitäten), die vermutlich durch Herde im Rückenmark entstehen, werden durch die MS selbst verursacht und können beispielsweise medikamentös mit Amitriptylin behandelt werden. Schmerzen können auch indirekt durch Folgen der MS wie eine spastische Tonuserhöhung der Extremitäten oder Harnwegsinfekte verursacht sein. Die Therapie richtet sich in diesen Fällen nach der jeweiligen Ursache.

Blasenfunktionsstörungen manifestieren sich in imperativem Harndrang und Inkontinenz. Den Störungen zugrunde liegen kann eine Speicherstörung, Entleerungsstörung oder eine Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie der Harnblase. Nach spezifischer urologischer Diagnostik kann eine entsprechende Therapie mit einer Einteilung der Flüssigkeitszufuhr, Beckenbodengymnastik, Katheterisierung und Medikamenten erfolgen. Harnwegsinfekte, die häufig in Folge von Blasenfunktionsstörungen auftreten, müssen antibiotisch behandelt werden. Exsikkosen, die dadurch entstehen, dass die Patienten weniger trinken, um die Blasenstörungen zu minimieren, sollten vermieden werden.

Sprech- und Schluckstörungen können zu einer erheblichen Belastung der Patienten führen. Akut im Rahmen eines Schubes entstandene Störungen werden mittels der Schubtherapie behandelt. Bleiben die Beschwerden bestehen, kommen hauptsächlich logopädische Maßnahmen zum Einsatz. Bei ausgeprägten Schluckstörungen können auch eine parenterale Ernährung und die Anlage einer PEG notwendig werden.

Die Diagnosekriterien einer Fatigue-Symptomatik und einer Depression enthalten ähnliche Elemente. Bei vielen Patienten liegt beides vor. Eine depressive Störung kann medikamentös mit Antidepressiva beispielsweise aus der Gruppe der sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) behandelt werden. Eine psychologische Betreuung kann auch mit dazu beitragen, sekundär aufgetretene depressive Störungen zu behandeln und Krankheitsfolgen besser zu bewältigen. Zur medikamentösen Behandlung des Fatigue-Syndroms können neben Antidepressiva unter anderem auch Amantadin und Modafinil eingesetzt werden.

Eine Meta-Analyse ergab keinen Hinweis auf einen wesentlichen Effekt verschiedener Ernährungsformen auf den Krankheitsverlauf. Gleichwohl kann nach Auffassung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) eine geeignete Ernährung zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen. Empfohlen wird eine ausgewogene, fettarme, ballaststoff- und vitaminreiche Ernährung bei ausreichender Kalorienzufuhr; Übergewicht sollte vermieden werden. Von einseitigen Diäten wird abgeraten.

Prof. Dr. Christian Dettmers, Ärztliche Leitung Neurorehabilitation, Kliniken Schmieder Konstanz

"Auch wenn MS nicht vollständig heilbar ist, so lässt sich doch der Grad der körperlichen Beeinträchtigung begrenzen, wenn frühzeitig mit der Therapie begonnen wird."
Prof. Dr. med. Christian Dettmers, Ärztlicher Leiter Kliniken Schmieder Konstanz

Interview
Interview mit Prof. Dr. Christian Dettmers

"Die Behandlungsmöglichkeiten werden sich stark differenzieren"

Die Kliniken Schmieder Konstanz und Gailingen sind als MS-Rehabilitationszentren von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft ausgezeichnet. Prof. Dr. Christian Dettmers leitet den Schwerpunkt und forscht seit vielen Jahren zu diesem Krankheitsbild. Er berichtet über neue Behandlungs- und Therapieansätze sowie aktuelle Entwicklungen.

Herr Prof. Dettmers, können Sie bitte kurz die derzeitigen Behandlungsmöglichkeiten bei MS skizzieren?

Dettmers: Die drei grundsätzlichen Behandlungsebenen bei der MS umfassen die Schubbehandlung, die immunmodulierende oder verlaufsmodifizierende Behandlung und die symptomatische Behandlung. Die Schubbehandlung beruht im Allgemeinen auf einer Cortison-Stoßtherapie über drei Tage, die gegebenenfalls auch noch einmal nach 14 Tagen in doppelter Dosierung wiederholt werden kann.

Für die verlaufsmodifizierende Behandlung unterscheidet man mittlerweile die Therapie beim wenig aktiven oder moderaten Verlauf und die Therapie beim aktiven oder hochaktiven Verlauf. Bei milder oder moderater Verlaufsform sind die Medikamente Copaxone und Interferone, die injiziert werden, weiterhin eine wichtige Option. Dies kann z. B. vorteilhaft sein, wenn eine Schwangerschaft geplant ist. Ebenfalls für die milde oder moderate Form des schubartigen Verlaufes haben Tecfidera und Aubagio die Zulassung. Sie haben den Vorteil, dass sie als Tabletten einfach einzunehmen sind. Für die aktive oder hochaktive Form gibt es eine weitere Tablette: Gilenya, deren Wirksamkeit etwas höher eingeschätzt wird. Für den hochaktiven Verlauf kommen Tysabri und Lemtrada in Frage. Durch die Bestimmung des JC-Virus-Antikörper lässt sich mittlerweile das Risiko der gefürchteten PML unter Tysabri eingrenzen. Vermutlich die wirksamste Substanz beim schubförmigen Verlauf ist derzeitig Lemtrada. Hier ist es aufgrund von seltenen Nebenwirkungen notwendig, dass man über vier   bis fünf Jahre regelmäßig, d. h. alle vier Wochen Laborkontrollen durchführen lässt. Weitere Behandlungsoption ist Cladribin, das gezielt die T- und B-Lymphozyten angreift. Seit Januar 2018 steht auch ein monoklonaler Antikörper zur Behandlung der primär progredienten MS zur Verfügung (Ocrelizumab).

Aufgrund der Vielfalt der Behandlungsmöglichkeiten sind Patienten und Behandler aufgerufen, im Einzelfall die wirksamste und günstigste Behandlungsform zu wählen. Hier ist eine gewisse Trägheit des Systems zu spüren, dass nicht immer konsequent Umstellungsmöglichkeiten wahrgenommen werden. Hier sollte in den nächsten Jahren ein kritischer Umgang gefördert werden und bei Zeichen von Krankheitsaktivität (neue Herde im MRT, Schübe) kritisch überdacht werden, ob ein Umsetzen auf ein stärker wirksames Medikament sinnvoll oder möglich ist. Ziel ist es, möglichst wenig Krankheitsaktivität zuzulassen. Das Stichwort hierzu heißt: NEDA No Evidence of Disease Activity.

Die dritte Handlungsebene ist die symptomatische Therapie, bei der es um die Behandlung von Blasenstörungen, Spastik, Schmerzen, Depressionen oder Sexualstörungen geht. Diese Symptome sind wichtig und sollten thematisiert werden, da sie vom Patienten nicht immer spontan geäußert werden, aber einen hohen Leidensdruck verursachen. Die größten ungenutzten Behandlungsmöglichkeiten liegen wahrscheinlich im Bereich der Blasenstörungen. Häufiger Harndrang, nächtlicher Harndrang, Schwierigkeiten, das Wasser zu halten, lassen sich im Allgemeinen gut beeinflussen. Hier werden bisher die Behandlungsmöglichkeiten nicht immer von allen ausgeschöpft.

Unseren Patienten ist nicht immer klar, dass es sich bei diesen Behandlungsmöglichkeiten quasi um drei unterschiedliche „Schubladen“ handelt, die jeder für sich konsequent ausgenutzt werden sollte.

Wie ist der aktuelle Forschungsstand bezüglich der Entstehung von MS?

Dettmers: Bei der Genese der MS geht man immer noch von einem multifaktoriellen Geschehen aus, in das viele Faktoren hineinspielen wie eine gewisse genetische Prädisposition, vermutlich eine Infektion in früher Kindheit und Faktoren, die im späteren Verlauf des Lebens den eigentlichen Immunprozess erneut triggern. Eine interessante Rolle spielt die Sonneneinstrahlung und der Vitamin D-Spiegel, die offensichtlich auf den Immunprozess einen Einfluss ausüben. Leider sprechen Studien derzeitig noch nicht dafür, dass die Einnahme von Vitamin D die Schubrate reduzieren kann. Möglicherweise ist das Vitamin D zu einem viel früheren Zeitpunkt wirksam – möglicherweise zum Zeitpunkt der Schwangerschaft der Mutter. Es ist ebenfalls bekannt, dass Kinder die im Frühjahr geboren werden ein höheres Erkrankungsrisiko haben, was möglicherweise mit der geringeren Sonnenexposition der Mutter in der Schwangerschaft zusammenhängen könnte. Hier bleibt es weiter spannend.

Sind neue Medikamente in Aussicht, mit denen sich weitere Behandlungserfolge erzielen lassen?

Dettmers: Wir erwarten weitere Zulassungen in diesem oder im nächsten Jahr, u.a. auch für die sekundär progrediente MS. Dann sollte man zumindest bei schneller Verschlechterung allen Patienten – auch bei unterschiedlichem Verlaufstyp – etwas anbieten können.

Seit Jahren setzen Sie sich intensiv mit dem Fatigue-Syndrom (schnelles Ermüden) bei MS-Patienten auseinander. Gibt es hierzu neue Erkenntnisse?

Dettmers: Primäre Fatigue muss man weiterhin als ein vielschichtiges Geschehen versuchen zu begreifen, in dass das Ausmaß der Demyelinisierung und des axonalen Verlustes reinspielt, immunologische Prozesse oder Cytokine, Kompensationsphänomene und Reorganisation, sowie möglicherweise auch hormonelle Wirkungen und Regelschleifen des Hypothalamus. Diese Prozesse sind möglicherweise bei verschiedenen Patienten in unterschiedlichem Ausmaß beteiligt. Insofern ist derzeit auch noch keine differenzierte medikamentöse Therapie möglich. Die Fatigue hat für uns in der Rehabilitation jedoch enorme Bedeutung, weil sie so häufig ist und in der sozialmedizinischen Leistungsbeurteilung oft einen wichtigen Faktor darstellt. Unbenommen davon ist, dass es zusätzlich viele andere Gründe für eine sekundäre Fatigue gibt vor allem Schlafstörungen und Depression.

In den letzten Jahren haben wir uns sehr intensiv mit der Diagnostik und Objektivierung von Fatigue beschäftigt. Kognitive Fatigue lässt sich durch Messung von Reaktionszeiten überprüfen, die typischerweise im Tagesverlauf zunehmen und auch nach einer standardisierten Belastung länger werden. Motorische Fatigue (eigentlich besser Fatigability im Sinne von Erschöpfbarkeit und Abnahme des Leistungsvermögens) lässt sich gut nachweisen durch Ganganalysen auf dem Laufband. Hier lassen sich durch Messungen und Berechnungen Gangbildveränderungen nachweisen, wie sie typisch für eine erhöhte Erschöpfbarkeit sind. Dies ermöglicht heutzutage, motorische Fatigability zu diagnostizieren und zu objektivieren. Wir haben jetzt auch noch einmal eine Studie durchgeführt, um nachzuweisen, dass diese Gangbildveränderungen, wie sie bei Fatigability typisch sind, nicht bei Depression auftreten. Unserer Meinung nach stellt diese Art der Ganganalyse ein wichtiges Instrumentarium, um Depression und Fatigability, zumindest im Bereich der Motorik, sicher unterscheiden zu können. Mittlerweile hat sich die Unterscheidung zwischen Fatigue als subjektiver Wahrnehmung des Patienten und Fatigability als objektive Veränderung der performance/Leistungsfähigkeit des Patienten, die beobachtbar und messbar ist, in der Wissenschaft etabliert. In der Psychosomatischen Abteilung wird unter Leitung von Prof. Dr. Roger Schmidt an einem Konzept der emotionalen Fatigue gearbeitet.

Wie wird die Sporttherapie bei MS eingesetzt?

Dettmers: Bei dem Thema MS und Sport hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Während früher Patienten aufgrund des entzündlichen Prozesses zur Schonung angehalten wurden, gehen wir heute davon aus, dass Sport in vielerlei Hinsicht einen günstigen Effekt auf die Gesundheit, das Immunsystem, Fitness, Koordination und Fatigue hat. Selbst jungen Menschen zu Beginn der Erkrankung sollte man zum Sport raten. Je höher das Ausgangsniveau hinsichtlich der körperlichen Fitness ist, desto mehr Ausfallserscheinungen können die Patienten später kompensieren. Sport hat natürlich darüber hinaus auch einen positiven Effekt auf die Psyche und die Lebensqualität. Spezifische Sportarten für MS-Patienten gibt es vermutlich nicht. En vogue ist zurzeit das Klettern. Eine große Kunst ist natürlich, die schon deutlich betroffenen Patienten noch einmal zu sportlichen Aktivitäten zu animieren.

Ärztlicher Leiter Neurorehabilitation in den Kliniken Schmieder Konstanz: Prof. Dr. Christian Dettmers

Fatigue und kognitive Beeinträchtigungen bei MS
ein Artikel von Aida Sehle, Micha Neumann, Stefan Spiteri und Christian Dettmers

Die Multiple Sklerose (MS): das Chamäleon in der Neurologie. Sie kann sehr unterschiedliche Symptome annehmen. Vielleicht noch mehr als bei anderen  neurologischen Erkrankungen kommt es darauf an, das individuelle Defizit und
Partizipationsziel des Patienten zu erfassen. Motorische Therapeuten können die Fatigue beeinflussen; wie, lesen Sie im Artikel der neuroreha 01/2014. (PDF zum Download)

Patientenbericht
Für Marina Obert war die Reha ein Neuanfang

„Mein Schreiben gab mir wieder neue Kraft“

„Gedichte schreiben bedeutet für mich, dass ich loslassen kann.“
Marina Obert ist 20 Jahre alt, als sie beim Inline-Skating alle zwei Meter stürzt. Sie und ihr Freund sind ratlos, suchen nach Erklärungen. Beim Spazierengehen hat sie Probleme mit dem Gleichgewicht und schwankt bei jedem Schritt. Anfang des Jahres 2013 hatte sie bereits Taubheitsgefühle am ganzen Kör­­­­per, die jedoch von alleine wieder abgeklungen sind. Im April 2013 kamen zur Gleichgewichtsstörung mit Schwindelgefühlen Bla­sen­störungen hinzu. Eine Woche später ging sie zum Hausarzt, der sie sofort in die Neurologie einer Uniklinik überwies. Inmitten ihrer Abschlussprüfung zur Groß- und Au­ßen­handelskauffrau bekam sie dann die Diagnose Multi­ple Sklerose.

„Als ich ins Krankenhaus überwiesen wurde, habe ich es noch gar nicht richtig realisiert. Ich wusste nicht wirklich, was MS ist. Ich stand gerade zwischen Ausbildung und Übernahme als Groß- und Außenhandelskauffrau. Es war ein Schock. Ich wusste nicht, wie es weitergehen soll. Am schlimmsten war für mich die Einsicht, dass ich mir mein Leben lang, Woche für Woche, eine Spritze geben muss, und so ständig an meine Krankheit erinnert werde. Jetzt nehme ich jeden zweiten Tag Tabletten, die wirken sehr stark. Ich hab schwere chronische Erschöpfung, die Fatigue macht mir das Leben schwer. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren und mit der Erinnerung und dem Multitasking klappt es nicht mehr wie früher.

Mit der Reha in Gailingen hat sich dann mein Leben von Null auf Hundert geändert. Ich war dort zwei Mal. Das Rudergerät im MTT-Trainingsraum in Gailingen ist das erste Fitnessgerät, was mir wirklich Spaß macht. Ich habe es erst in der Reha kennengelernt und trainiere damit Beine, Arme, Bauch und Rücken. Gerade bei MS ist es wichtig, dass man die Kraft nicht verliert und Muskeln aufbaut. Die Sporttherapeuten haben immer geschaut, dass alles passt. Ich hatte auch Rückentraining, Physiotherapie und Werktherapie und Schwimmen tat auch gut. Bei der Gleichgewichtsgruppe machte ich am meisten Fortschritte. Am Anfang konnte ich die Füße nicht richtig abrollen. Im Laufe der Wochen hat sich das gebessert und ich habe mich sicherer gefühlt. Das Nordic Walking war immer sehr schön im Wald. Ich fühlte mich wohl in der wunderschönen Gegend in Gailingen und konnte abschalten von daheim. Gerade in der Entspannungsgruppe kann man mal richtig durchatmen und die Gedächtnisgruppe hat mir auch wirklich geholfen.

Während meiner zweiten Reha in Gailingen habe ich als Patientin eine Dichterlesung gehalten. Mein Bekannter, der auch hier Patient war, hat mich dazu ermutigt, zu schreiben und meine Gedichte drucken zu lassen. Im Juli 2015 sind die „Alltagsgedichte für Jung und Alt“ im Selbstverlag erschienen. Gedichte schreiben bedeutet für mich, dass ich loslassen kann. Es gefällt mir, weil ich Menschen verbinden kann. Wenn ich Menschen erreiche, macht mich das glücklich. Damit haben sich für mich neue Welten geöffnet. Nach der Reha habe ich das Fernstudium „Das lyrische Schreiben“ gestartet, das ich mittlerweile abgeschlossen habe. Dadurch habe ich gelernt, meine Gedichte noch anders zu schreiben. Auch an einem Gedichtwettbewerb habe ich teilgenommen und ein Gedicht von mir ist dadurch in eine Anthologie aufgenommen worden, was mich sehr freut. Mein Leben hat wieder einen neuen Sinn.

In den Kliniken Schmieder Gailingen wurde mir außerdem klar, dass Rehabilitation verbindet, weil man andere Menschen kennenlernt, die das gleiche Schicksal teilen. Ich habe so etwas wie eine Ersatzfamilie geschenkt bekommen und habe nach wie vor Kontakt mit einigen. Für mich war die erste Reha die schönste Zeit meines Lebens, weil es das erste Mal nur um meine Gesundheit ging. Durch den Austausch mit Gleichgesinnten und dem freundlichen Personal bleibt diese Zeit unvergesslich für mich.

Ich mache im Moment ein Mal in der Woche Rehasport bei uns um die Ecke. Gerne würde ich auch wieder arbeiten gehen, weil ich so jung bin. Mein Freund steht immer hinter mir und unterstützt mich. Insgesamt kann ich sagen, bin ich durch die Rehabilitation stärker geworden.“

Die Gedichte von Marina Obert können Sie unter http://marinasgedichte.wordpress.com finden.

Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Entmarkungserkrankung des zentralen Nervensystems. Neben der Epilepsie ist sie eine der häufigsten neurologischen Krankheiten bei jungen Erwachsenen. Die meisten Patienten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, wenn die Symptome zum ersten Mal auftreten. Bei mehr als einem Drittel der Patienten fängt die MS mit Gefühlsstörungen an: Arme oder Beine fühlen sich taub an oder es kribbelt auf der Haut. Ziel der therapeutischen Maßnahmen ist es, die Unabhängigkeit des Patienten im Alltag zu erhalten. Die beste erreichbare Lebensqualität soll für die Patienten gewährleistet werden.

„Reha kann eine Chance sein für etwas Neues“

Marina Obert

Ansprechpartner

Die Kliniken Schmieder behandeln an allen Standorten Patienten mit Multipler Sklerose. Die Kliniken Schmieder Konstanz sind von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) als Anerkanntes MS-Zentrum ausgezeichnet.

Unter dem Dach des klinikeigenen Lurija Instituts für Rehabilitationswissenschaften und Gesundheitsforschung werden seit Jahren Forschungsprojekte zum besseren Verständnis der Erkrankung und zur Weiterentwicklung der Behandlungsmöglichkeiten durchgeführt. 

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Prof. Dr. Christian Dettmers, Ärztliche Leitung Neurorehabilitation, Kliniken Schmieder Konstanz

Ärztlicher Leiter Kliniken Schmieder Konstanz
Prof. Dr. med. Christian Dettmers

Kontakt

Sekretariat 
Neurorehabilitation/MS
Astrid Scholter

Tel.: 07531-986-3536 
Fax: 07531-986-3155 

Internetlinks

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft
www.dmsg.de

Selbsthilfegruppen - Amsel
www.amsel.de