Multiple Sklerose (MS)

Unser Behandlungsspektrum

Multiple Sklerose (MS)

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Entmarkungserkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), deren Ursache trotz großer Forschungsanstrengungen noch nicht geklärt ist. Sie ist neben der Epilepsie eine der häufigsten neurologischen Krankheiten bei jungen Erwachsenen und von erheblicher sozialmedizinischer Bedeutung.

Multiple Sklerose, eine entzündliche Krankheit des Nervensystems, bei der Sehstörungen, Lähmungen, Gleichgewichtsstörungen u.a. auftreten können, ist nicht heilbar. Progression und Auswirkungen lassen sich jedoch begrenzen, wenn frühzeitig mit der Therapie begonnen wird und auch kognitive Defizite wie Aufmerksamkeitsstörungen, eine ungewöhnlich schnelle Ermüdbarkeit (Fatigue), Spastik und begleitend auftretende psychiatrische Erkrankungen behandelt werden. Durch den hohen Anteil an MS-Patienten – jährlich rund 20 Prozent der Patienten in den Kliniken Schmieder Konstanz – hat sich bei Ärzten, Therapeuten und in der Pflege eine große Kompetenz entwickelt, den Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden. Um diese Kompetenz zu erweitern und zu verbessern, führen wir regelmäßige Fachveranstaltungen und Schulungen der Mitarbeiter durch.

Entgegen der landläufigen Meinung führt Multiple Sklerose nicht zwangsläufig zu schweren Behinderungen. Auch viele Jahre nach Beginn der Erkrankung bleibt die Mehrzahl der Patienten noch gehfähig. Doch die Krankheitsverläufe sind sehr unterschiedlich. So entwickelt ein Teil der Betroffenen nur vorübergehend Symptome und kann viele Jahre den gewohnten Alltag leben. Bei anderen Patienten wiederum ist der Verlauf schneller und die Behinderungen nehmen zu. Ebenfalls ist es nicht möglich eine sichere Vorhersage über den weiteren Verlauf der Krankheit zu geben.

In der gesamten Bundesrepublik gibt es etwa 200.000 Betroffene, weltweit schätzungsweise 2,3 Millionen. Die Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu Entzündungen und Gewebeschädigungen führt, kann sich in einer Vielzahl von Beschwerden äußern. Mit medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen versucht man Beschwerden zu lindern, Komplikationen vorzubeugen und die Häufigkeit von Schüben zu reduzieren.

Der Name "Multiple Sklerose" erklärt sich wie folgt: Bei MS entstehen in der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark verstreut vielfache (multiple) entzündliche Entmarkungsherde, die vermutlich durch den Angriff körpereigener Abwehrzellen auf die Myelinscheiden der Nervenzellfortsätze verursacht werden. Dadurch entstehen verhärtete Vernarbungsstellen (Sklerose).

Die Entstehungsursache der Erkrankung konnte bisher nicht geklärt werden.

Die Ursachen für Multiple Sklerose sind nicht bekannt. Es lassen sich jedoch Risikofaktoren bestimmen, die in Verbindung mit der Erkrankung stehen. Liegen sie vor, steigt die Wahrscheinlichkeit an MS zu erkranken.

Genetik

Genetische Veränderungen können bei MS eine Rolle spielen und mitursächlich sein. So kann beispielsweise in einer Familie die Erkrankung gehäuft auftreten. Mittlerweile konnte die Wissenschaft einen Genort auf dem Chromosom 6 lokalisieren, der für immunologische Prozesse relevant ist und an dem man Veränderungen bei MS feststellen konnte.

Umwelt

Auch geographische Einflüsse sind relevant. So konnte nachgewiesen werden, dass Menschen am Äquator weniger an MS erkranken als Menschen in Nordamerika und Nordeuropa. Ebenfalls spielt die Sonneneinstrahlung eine Bedeutung in einer frühen Phase der immunologischen Prägung des Menschen. In diesem Zusammenhang ist auch die Bildung des Vitamin D im Körper wichtig, die Einfluss auf das Immunsystem hat.

Viren

Immer wieder in der Diskussion sind Viren als Erreger von MS. Wissenschaftlich hat sich dies jedoch nicht nachweisen lassen. Einfluss auf das Immunsystem können aber Viren haben, die es zu selbstagressiven Verhaltensweisen führen (Epstein-Barr-Virus).

Da die Entmarkungsherde bei Multipler Sklerose im gesamten zentralen Nervensystem auftreten können, kann die Multiple Sklerose fast jedes neurologische Symptom verursachen.

Die meisten Patienten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, wenn die Symptome zum ersten Mal auftreten. Bei mehr als einem Drittel der Patienten fängt die MS mit Gefühlsstörungen an: Arme oder Beine fühlen sich taub an oder es kribbelt auf der Haut. Viele Patienten fühlen sich müder als sonst und sind schnell erschöpft, haben Blasenstörungen oder fühlen sich unsicher beim Gehen und Stehen.

Sehstörungen mit Minderung der Sehschärfe und Störungen der Augenbewegung (internukleäre Ophthalmoplegie) sind ebenfalls typisch, aber nicht spezifisch für die Multiple Sklerose. Einige Patienten leiden unter Kraftlosigkeit in den Armen oder Beinen oder haben Schmerzen. Die geschilderten Symptome können einzeln, aber auch gleichzeitig auftreten.

MS-Schub
Äußern sich Entzündungsherde bei MS-Kranken mit schubartig stark zunehmenden Beschwerden, sprechen Mediziner von einem Schub. Nach einem ersten Schub können die Beschwerden verschwinden und nach einer Weile wieder auftreten. Manchmal kommen andere Symptome hinzu, die ebenfalls wieder zurückgehen können.

Der Verlauf von Multipler Sklerose ist individuell sehr unterschiedlich. Bei einigen Menschen mit MS gehen die Beschwerden nach einem Schub wieder komplett zurück, bei manchen nur teilweise. Bei manchen wird die Krankheit nach einigen Schüben, nach denen sich die Beschwerden immer wieder zurückbilden, im späteren Verlauf kontinuierlich stärker. Manchmal nehmen die Beschwerden auch von Anfang an gleichmäßig immer mehr zu und Schübe lassen sich nicht erkennen – in diesem Fall spricht man von einem progredienten Verlauf.

Häufige Symptome
  • Lähmungen
  • Empfindungsstörungen
  • Sehstörungen
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Blasen-, Darmstörungen
  • Schluckstörungen
  • Sprechstörungen
  • Augenstörungen
Diffuse Symptome
  • Vermehrte Erschöpfbarkeit (Fatigue)
  • Depression, Antriebsschwäche
  • Kognitive Störungen, Merkfähigkeit
  • Schmerzen (z.B. diffus, krampfartig)

Multiple Sklerose ist nicht heilbar. Ziel aller therapeutischen Maßnahmen ist es, die Unabhängigkeit des Patienten im Alltag zu erhalten und die beste erreichbare Lebensqualität zu gewährleisten. Die bestehenden therapeutischen Möglichkeiten lassen sich in die Schubtherapie, die immunmodulierende Langzeittherapie und die Behandlung symptomatischer Beschwerden unterteilen. Das Erreichen der Therapieziele setzt eine gute Zusammenarbeit von Patient und Behandlungsteam voraus. Die Auswahl der therapeutischen Maßnahmen berücksichtigt immer den individuellen Fall des Patienten und seine persönlichen Zielsetzungen.

Die Wahl der Therapieformen unterscheidet sich in vielen Punkten auch danach, ob es sich um eine schubförmig verlaufende oder primär progrediente Form der Erkrankung handelt.

Schubtherapie

Eine Schubtherapie ist bei starker, schubweise auftretender funktioneller Beeinträchtigung des Patienten angezeigt. So kann zum Beispiel die Gabe von hochdosierten therapeutischen Glucocorticoiden während eines Schubes die Rückbildung von Symptomen initiieren und beschleunigen. Glucocorticoide wirken entzündungshemmend. Unter anderem vermindern sie auch die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke, so dass weniger weiße Blutkörperchen in die Entzündungsherde im zentralen Nervensystem einwandern können.

Immunmodulation und Immunsuppression

Die Therapie zielt darauf ab, die Entzündungsreaktionen im Zentralen Nervensystem zu dämpfen und neurologische Defizite auf diese Weise zu mindern. Auch wenn an vielen Stellen keine Unterscheidung zwischen Immunmodulation und Immunsuppression stattfindet, sind die zwei Begriffe klar voneinander zu trennen:

  • Die immunmodulierende Therapie umfasst die Behandlung mit Beta-Interferonen, Glatirameracetat, intravenösen Immunglobulinen (IVIG) und Natalizumab. Wie und warum diese Substanzen wirken ist nicht immer vollständig bekannt. Lediglich zum Natalizumab kann man sagen, dass es speziell entwickelt wurde, um den Fluss weißer Blutkörperchen in das zentrale Nervensystem zu vermindern.
  • Immunsuppressiva sind Mitoxantron, Azathioprin und Cyclophosphamid. Alle diese Stoffe beschränken die Vermehrung der weißen Blurkörperchen
Symptomatische Therapie

Im Verlauf der MS können viele Symptome zu einer Verminderung der Lebensqualität führen. Die jeweiligen Funktionsstörungen und ihr Ausmaß sind dabei bei jedem Patienten unterschiedlich ausgeprägt. Besonders häufig und einschränkend sind Spastik, Schmerzen, Blasenfunktionsstörungen, Sprech- und Schluckstörungen, eine schnellere psychische und physische Ermüdbarkeit (Fatigue-Syndrom) sowie depressive Störungen. Zur Behandlung dieser Symptome eignen sich neben Änderungen der Lebensführung physiotherapeutische, logopädische, ergotherapeutische, psychotherapeutische, medikamentöse und operative Maßnahmen. Besonders wichtig ist die vorbeugende Prophylaxe gegen schwerwiegende Komplikationen wie z. B. Lungenembolien, Thrombosen, Gelenkkontrakturen oder Harnwegsinfektionen. Diese Komplikationen sind mit für die im Vergleich zur Gesamtbevölkerung verminderte Lebenserwartung bei MS-Patienten verantwortlich.

Behandlung der Spastik

Spastische Tonuserhöhungen der Muskulatur kommen durch Herde in der Pyramidenbahn zustande. Sie können direkt Schmerzen oder ein Spannungsgefühl verursachen oder über Folgezustände wie Muskel- und Gelenkkontrakturen, Fehlstellungen und Immobilität zu Schmerzen führen. Eine Physiotherapie ist bei pathologischen Tonuserhöhungen immer geboten. Mittels Krankengymnastik lässt sich dabei die tonisch erhöhte Muskulatur inhibieren (hemmen) und detonisierte Muskulatur und Bewegungskoordination aktivieren bzw. fazilitieren (bahnen). Medikamentös kann oral beispielsweise mit Baclofen oder Tizanidin behandelt werden. Umschriebene spastische Tonuserhöhungen können auch mit Injektionen von Botulinumtoxin behandelt werden. Eine weitere Option besteht in der Gabe von Baclofen oder Triamcinolon direkt in den Subarachnoidalraum im Bereich der Lendenwirbelsäule (intrathekale Applikation).

Schmerztherapie

Schmerzen können bei MS-Patienten vielfältige Ursachen haben. Die direkt durch Entzündungsherde verursachte Trigeminusneuralgie, die anfallsweise auftritt, kann medikamentös behandelt werden. Auch chronische Schmerzen (meist der Extremitäten), die vermutlich durch Herde im Rückenmark entstehen, werden durch die MS selbst verursacht und können beispielsweise medikamentös mit Amitriptylin behandelt werden. Schmerzen können auch indirekt durch Folgen der MS wie eine spastische Tonuserhöhung der Extremitäten oder Harnwegsinfekte verursacht sein. Die Therapie richtet sich in diesen Fällen nach der jeweiligen Ursache.

 

Behandlung der Blasenfunktion

Blasenfunktionsstörungen manifestieren sich in imperativem Harndrang und Inkontinenz. Den Störungen zugrunde liegen kann eine Speicherstörung, Entleerungsstörung oder eine Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie der Harnblase. Nach spezifischer urologischer Diagnostik kann eine entsprechende Therapie mit einer Einteilung der Flüssigkeitszufuhr, Beckenbodengymnastik, Katheterisierung und Medikamenten erfolgen. Harnwegsinfekte, die häufig in Folge von Blasenfunktionsstörungen auftreten, müssen antibiotisch behandelt werden. Exsikkosen, die dadurch entstehen, dass die Patienten weniger trinken, um die Blasenstörungen zu minimieren, sollten vermieden werden.

Behandlung von Sprech- und Schluckstörungen

Sprech- und Schluckstörungen können zu einer erheblichen Belastung der Patienten führen. Akut im Rahmen eines Schubes entstandene Störungen werden mittels der Schubtherapie behandelt. Bleiben die Beschwerden bestehen, kommen hauptsächlich logopädische Maßnahmen zum Einsatz. Bei ausgeprägten Schluckstörungen können auch eine parenterale Ernährung und die Anlage einer PEG notwendig werden.

Behandlung von Fatigue und depressiven Störungen

Die Diagnosekriterien einer Fatigue-Symptomatik und einer Depression enthalten ähnliche Elemente. Bei vielen Patienten liegt beides vor. Eine depressive Störung kann medikamentös mit Antidepressiva beispielsweise aus der Gruppe der sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) behandelt werden. Eine psychologische Betreuung kann auch mit dazu beitragen, sekundär aufgetretene depressive Störungen zu behandeln und Krankheitsfolgen besser zu bewältigen. Zur medikamentösen Behandlung des Fatigue-Syndroms können neben Antidepressiva unter anderem auch Amantadin und Modafinil eingesetzt werden.

Ernährung

Eine Meta-Analyse ergab keinen Hinweis auf einen wesentlichen Effekt verschiedener Ernährungsformen auf den Krankheitsverlauf. Gleichwohl kann nach Auffassung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) eine geeignete Ernährung zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen. Empfohlen wird eine ausgewogene, fettarme, ballaststoff- und vitaminreiche Ernährung bei ausreichender Kalorienzufuhr; Übergewicht sollte vermieden werden. Von einseitigen Diäten wird abgeraten.

Interview mit Prof. Dr. Christian Dettmers

"Es ist wichtig, körperliche und psychische Beschwerden gleichermaßen zu behandeln."

Die Kliniken Schmieder Konstanz und Gailingen sind als MS-Rehabilitationszentren von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft ausgezeichnet. Prof. Dr. Christian Dettmers leitet den Schwerpunkt und forscht seit vielen Jahren zu diesem Krankheitsbild. Er berichtet über neue Behandlungs- und Therapieansätze sowie aktuelle Entwicklungen.

Herr Prof. Dettmers, können Sie bitte die derzeitigen Behandlungsmöglichkeiten bei MS skizzieren?

Dettmers: Die drei grundsätzlichen Behandlungsebenen bei der MS umfassen die Schubbehandlung, die immunmodulierende oder verlaufsmodifizierende Behandlung und die symptomatische Behandlung. Wir freuen uns, dass es mittlerweile auch für die primär voranschreitende MS eine Immunmodulation gibt, seit letztem Jahr bereits für die sekundär voranschreitende MS. Für beide Medikamente – Ocrelizumab und Siponimod - stellt sich die Frage, welcher Patient davon profitieren kann. Am deutlichsten werden möglicherweise die Patienten profitieren, bei denen die Diagnose der Progredienz noch nicht lange besteht, die eher jung sind und möglicherweise noch kontrastmittel-aufnehmende Herde im MRT zeigen.

Die aktuelle Immunmodulation zu überdenken oder aus der Außenperspektive zu hinterfragen, ist manchmal ein Anliegen von Patienten in der Rehabilitation. Aber es ist meist nicht der Hauptgrund für die Rehabilitation und wird üblicherweise auch schlussendlich vom betreuenden Neurologen entschieden und umgesetzt.

Ähnlich verhält es sich mit dem häufigen Thema, inwieweit sich Symptome medikamentös beeinflussen lassen. Im Rahmen einer stationären Behandlung lässt sich oft gut ausprobieren, ob oder inwieweit eine Spastik auf Medikamente reagiert oder inwieweit sich dadurch eine Gangstörung verbessern lässt. Ähnlich können medikamentöse Behandlungsversuche bei Missempfindungen und Schmerzen gemacht werden. Evtl. vorhandene Störungen der Blase können thematisiert und ebenfalls behandelt werden. Gerade bei Blasenstörungen besteht einerseits häufig große Unsicherheit, ob dies auffällig ist oder nicht und vor allem bestehen sehr gute Chancen, diese durch einen Behandlungsversuch zu lindern. Hierzu gehört auch eine ausführliche Beratung bei unserer urotherapeutischen Pflegefachkraft.

Was ist das zentrale Anliegen bei der Rehabilitation von Patienten mit MS?

Dettmers: So unterschiedlich, wie sich die MS bemerkbar machen kann, können auch die Rehabilitationsziele sein. Günstig ist, wenn ein Patient möglichst konkret Rehabilitationsziele angeben oder mit den behandelnden Ärzten und Therapeuten zusammen entwickeln kann: Wo liegt mein größter Leidensdruck? Was soll sich ändern? Es ist günstig, wenn sich ein Patient hierzu bereits im Vorfeld Gedanken macht, möglicherweise auch mit seinen Angehörigen darüber spricht oder mit seinem Neurologen. Je spezifischer er das Ziel angeben kann, desto erfolgreicher kann man an dem Ziel in der Rehabilitation arbeiten.

Die Ziele können im Bereich der Handmotorik liegen, im Bereich von Gleichgewicht oder Gangausdauer, im Bereich von Aufmerksamkeit und Gedächtnis oder im Bereich des flüssigen Sprechens. Häufig geht es darum, Arbeitsfähigkeit zu erhalten oder wiederherzustellen. Manchmal liegen depressive Beschwerden vor oder es fällt dem Patienten schwer, die Krankheit zu akzeptieren.

Bei vielen Patienten kommen körperliche und psychische Beschwerden zusammen. Beide Seiten zu behandeln ist gleichermaßen wichtig. Dies ist uns ein besonderes Anliegen und hierfür sind wir besonders qualifiziert: Wir haben zwei Abteilungen im Hause, die sich gleichermaßen kompetent um Patienten mit MS kümmern: Die neurologische Abteilung und die psychotherapeutische Abteilung. Soweit es erforderlich ist, steuern beide Abteilungen ihren Anteil zur Genesung bei. Liegen körperliche Beschwerden vor, steht häufig das Training von Gleichgewicht, Kraft und Ausdauer, Handfunktion oder Denken/Kognition im Vordergrund. Steht die psychische Belastung durch die Erkrankung im Vordergrund, können Gespräche unter Umständen eine wichtige Hilfe darstellen.

Zentral ist das Anliegen, dass der Patient mit seinen Beschwerden und mit seiner Krankheit zurechtkommt. Wir wollen den Patienten befähigen, trotz einer chronischen Erkrankung sein Leben zu leben. Hierzu gehören auch Informationen, Schulungen zu verschiedenen MS-spezifischen Themen, Sozialberatung und der Austausch mit Mitpatienten.

Was tut sich in der Forschung hinsichtlich dem Fatigue-Syndrom (schnelles Ermüden)?

Dettmers: Hilfreich ist die mittlerweile gängige Unterscheidung zwischen Fatigue und Fatigability. Fatigue stellt die subjektive Wahrnehmung dar, das Ausmaß der Erschöpfung und Müdigkeit, wie man es häufig mit Fragebogen erfassen kann. Fatigability stellt die Änderung der Durchführbarkeit (Performance) dar. Sie ist ein organisches Phänomen aufgrund der beeinträchtigten Nervenleitfähigkeit. Man könnte es damit vergleichen, als ob eine elektrische Leitung heiß läuft. Die Nervenzellen und das Gehirn funktionieren einfach nicht mehr richtig. Z.B. kann die Kontrolle über ein Bein nach längerer Gehstrecke zunehmend schwieriger werden. Spastik, Fussheberschwäche oder Gangunsicherheit können zunehmen. Wichtig ist zu realisieren, dass häufig bei der MS beide Seiten zusammenkommen: seelisch-psychische Erschöpfung und eine Beeinträchtigung der neuronalen Leitfähigkeit.

Muss man als Patient mit MS Angst haben, dass das Nervensystem durch Überanstrengung bei Fatigue Schaden nimmt? Sollte man also eher etwas vorsichtiger sein und Anstrengung meiden?

Dettmers: Es ist ganz wichtig zu realisieren, dass man durch Anstrengung keinen Schaden am Nervensystem anrichten kann. Im Gegenteil: Es wird allgemein empfohlen, zur Linderung der Fatigue regelmäßig körperliches Training zu absolvieren. Natürlich ist es schwierig, wenn man berufstätig ist und mit Fatigue zu kämpfen hat, abends noch körperlich aktiv zu sein. Die Rehabilitation soll gerade eine Chance bieten, dies zu thematisieren und Wege und Mittel zu finden, seine Gesundheit auch nach der Rehabilitation - nachhaltig - zu pflegen und zu fördern.

Wie wird sich die Rehabilitation in Zukunft verändern?

Dettmers: Eine der größten Herausforderungen in der Rehabilitation ist es, die Übertragung in den Alltag möglichst erfolgreich zu gestalten, d.h. eine nachhaltige Wirkung zu erreichen. Hier planen die Kliniken Schmieder auch digitale Techniken zu nutzen, um gelernte Trainingsmaßnahmen und Übungen auch zuhause nach der Entlassung weiter fortzuführen. Auf diese Entwicklung, die vielfältige zusätzliche Möglichkeiten bieten wird, sind wir alle sehr gespannt.

ACHIM DOLD IST DANKBAR DAFÜR, BEI DEN KLINIKEN SCHMIEDER ZU SEIN

«Ich war überrascht, was hier alles möglich war und ist!»

Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Entmarkungserkrankung des zentralen Nervensystems. Neben der Epilepsie ist sie eine der häufigsten neurologischen Krankheiten bei jungen Erwachsenen. Die meisten Patienten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, wenn die Symptome zum ersten Mal auftreten. Bei mehr als einem Drittel der Patienten fängt die MS mit Gefühlsstörungen an: Arme oder Beine fühlen sich taub an oder es kribbelt auf der Haut. Ziel der therapeutischen Maßnahmen ist es, die Unabhängigkeit des Patienten im Alltag zu erhalten. Die beste erreichbare Lebensqualität soll für die Patienten gewährleistet werden.

1990 erhält Achim Dold die Diagnose Multiple Sklerose. Damals wusste er noch nicht, was das für ihn bedeutet und wie er damit umgehen soll. 1995 folgte sein erster Aufenthalt bei den Kliniken Schmieder, seitdem kommt der 62-Jährige jedes Jahr zur Rehabilitation nach Gailingen und ist dankbar für diese Chance.

„1990 war ich auf dem Tennisplatz und habe keinen Ball mehr sehen können. Dann bin ich erstmal zum Augenarzt gegangen. Damals gab es kaum Neurologen, ich war deshalb hauptsächlich bei meinem Hausarzt. Die Diagnose bekam ich dann erst im Krankenhaus, als der Chefarzt mir auf die Schultern klopfte und sagte ‚Sie haben MS. Morgen können Sie wieder heimfahren‘. Ich wusste nicht viel darüber und habe es so hingenommen, dachte nichts Schlimmes dabei. Ich kann schlecht laufen – damals, wie heute. Ich habe Kraftprobleme, schlechte Ausdauer, Gleichgewichtsstörungen und das Fatigue Syndrom. Ich bin also oft sehr erschöpft, als wäre mein Akku leer.

Erst nach fünf Jahren konnte mir meine neue Hausärztin erklären, was MS eigentlich ist. Sie sorgte dann dafür, dass ich zur Reha nach Gailingen komme. Meine Erwartungen an die Reha waren gering. Doch in den vier Wochen war ich so überrascht, was hier alles möglich war. Ich habe mich unbewusst darauf eingelassen und habe den Therapeuten sehr viel zu verdanken. Mich zieht es deswegen jedes Mal wieder nach Gailingen.

Hier ist man einfach unter Gleichgesinnten. Man versteht sich. Es ist sehr schön, wenn man sich in kleinen Gruppen zusammensetzt und sprechen kann. Zwar schließe ich keine engeren Freundschaften, trotzdem bringt mich hier jede Begegnung weiter. Die psychologische Unterstützung finde ich deshalb auch sehr wichtig – egal ob in interaktiven Gruppen, in psychologischen Einzelgesprächen, oder mit den Ärzten.

Hier kann ich komplett abschalten, da ich weit weg bin vom Alltag. Für mich ist es wichtig, dass ich mich voll und ganz auf die Therapien konzentriere. Natürlich ist es schade, dass ich mein Umfeld nicht habe. Aber meine Frau versteht das. Hier hat man die Hilfe, die man zuhause im Alltag nicht bekommen kann. Körper, Geist und Seele sind eins, ich kann total in mich reinhören. Da meine Probleme hauptsächlich körperliche Defizite sind, ist die Physiotherapie für mich besonders von Vorteil. Vor allem am Anfang ist diese sehr wichtig, damit man weiß: Es kann wieder funktionieren. Es bleibt nicht so.

Damals hätte ich eine Ewigkeit gebraucht, zur Toilette zu laufen. Jetzt geht das schon wieder besser. Meine Aufenthalte laufen immer ähnlich ab: In der ersten Woche lasse ich los, bin weg von der Zivilisation und mache meine Therapien. In der zweiten und dritten Woche geht es immer bergab, körperlich und psychisch, da mein Körper nicht an die Vielzahl der Anwendungen gewohnt ist. Und dann merke ich in der vierten Woche, wie es besser wird und sich an irgendeinem Punkt stabilisiert, bis ich nach Hause fahre. Ich fahre immer besser heim, als ich gekommen bin. Das ist sicher.

Für mich ist der Aufenthalt hier wie eine Medikation. Zwar ist die Krankheit nie komplett heilbar, dennoch gehe ich mit der Einstellung durchs Leben, dass es trotz Negativem auch viel Positives gibt. Ich habe zum Beispiel meine Frau hier kennengelernt. Wir stehen alle schweren Zeiten gemeinsam durch und sie gibt mir viel Kraft. An unserem 20. Kennenlerntag haben wir uns dann verlobt und sind nun verheiratet. Das ist für mich das Positive. Mir ist bewusst geworden, dass man auch schöne Erlebnisse haben kann, trotz Handicap. Man darf sich einfach nicht hängen lassen, sonst hat man schon verloren. In meinen 1039 Tagen hier, fast 3 Jahre insgesamt, habe ich vieles gelernt und bin dankbar dafür, so eine gute Unterstützung bei den Kliniken Schmieder zu bekommen. Ich sage immer „Der Berg hilft mir“.

Die Kliniken Schmieder behandeln an allen Standorten Patienten mit Multipler Sklerose. Die Kliniken Schmieder Konstanz und die Kliniken Schmieder Gailingen sind von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) als Anerkannte MS-Zentren ausgezeichnet.

Unter dem Dach des klinikeigenen Lurija Instituts für Rehabilitationswissenschaften und Gesundheitsforschung werden seit Jahren Forschungsprojekte zum besseren Verständnis der Erkrankung und zur Weiterentwicklung der Behandlungsmöglichkeiten durchgeführt.

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Sekretariat
Neurorehabilitation/MS
Astrid Scholter

Tel.: 07531-986-3536

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