Multiple Sklerose (MS)

Unser Behandlungsspektrum

Multiple Sklerose (MS)

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Entmarkungserkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), deren Ursache trotz großer Forschungsanstrengungen noch nicht geklärt ist. Sie ist neben der Epilepsie eine der häufigsten neurologischen Krankheiten bei jungen Erwachsenen und von erheblicher sozialmedizinischer Bedeutung.

Multiple Sklerose, eine entzündliche Krankheit des Nervensystems, bei der Sehstörungen, Lähmungen, Gleichgewichtsstörungen u.a. auftreten können, ist nicht heilbar. Progression und Auswirkungen lassen sich jedoch begrenzen, wenn frühzeitig mit der Therapie begonnen wird und auch kognitive Defizite wie Aufmerksamkeitsstörungen, eine ungewöhnlich schnelle Ermüdbarkeit (Fatigue), Spastik und begleitend auftretende psychiatrische Erkrankungen behandelt werden. Durch den hohen Anteil an MS-Patienten – jährlich rund 20 Prozent der Patienten in den Kliniken Schmieder Konstanz – hat sich bei Ärzten, Therapeuten und in der Pflege eine große Kompetenz entwickelt, den Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden. Um diese Kompetenz zu erweitern und zu verbessern, führen wir regelmäßige Fachveranstaltungen und Schulungen der Mitarbeiter durch.

Entgegen der landläufigen Meinung führt Multiple Sklerose nicht zwangsläufig zu schweren Behinderungen. Auch viele Jahre nach Beginn der Erkrankung bleibt die Mehrzahl der Patienten noch gehfähig. Doch die Krankheitsverläufe sind sehr unterschiedlich. So entwickelt ein Teil der Betroffenen nur vorübergehend Symptome und kann viele Jahre den gewohnten Alltag leben. Bei anderen Patienten wiederum ist der Verlauf schneller und die Behinderungen nehmen zu. Ebenfalls ist es nicht möglich eine sichere Vorhersage über den weiteren Verlauf der Krankheit zu geben.

In der gesamten Bundesrepublik gibt es etwa 200.000 Betroffene, weltweit schätzungsweise 2,3 Millionen. Die Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu Entzündungen und Gewebeschädigungen führt, kann sich in einer Vielzahl von Beschwerden äußern. Mit medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen versucht man Beschwerden zu lindern, Komplikationen vorzubeugen und die Häufigkeit von Schüben zu reduzieren.

Der Name "Multiple Sklerose" erklärt sich wie folgt: Bei MS entstehen in der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark verstreut vielfache (multiple) entzündliche Entmarkungsherde, die vermutlich durch den Angriff körpereigener Abwehrzellen auf die Myelinscheiden der Nervenzellfortsätze verursacht werden. Dadurch entstehen verhärtete Vernarbungsstellen (Sklerose).

Die Entstehungsursache der Erkrankung konnte bisher nicht geklärt werden.

Die Ursachen für Multiple Sklerose sind nicht bekannt. Es lassen sich jedoch Risikofaktoren bestimmen, die in Verbindung mit der Erkrankung stehen. Liegen sie vor, steigt die Wahrscheinlichkeit an MS zu erkranken.

Genetik

Genetische Veränderungen können bei MS eine Rolle spielen und mitursächlich sein. So kann beispielsweise in einer Familie die Erkrankung gehäuft auftreten. Mittlerweile konnte die Wissenschaft einen Genort auf dem Chromosom 6 lokalisieren, der für immunologische Prozesse relevant ist und an dem man Veränderungen bei MS feststellen konnte.

Umwelt

Auch geographische Einflüsse sind relevant. So konnte nachgewiesen werden, dass Menschen am Äquator weniger an MS erkranken als Menschen in Nordamerika und Nordeuropa. Ebenfalls spielt die Sonneneinstrahlung eine Bedeutung in einer frühen Phase der immunologischen Prägung des Menschen. In diesem Zusammenhang ist auch die Bildung des Vitamin D im Körper wichtig, die Einfluss auf das Immunsystem hat.

Viren

Immer wieder in der Diskussion sind Viren als Erreger von MS. Wissenschaftlich hat sich dies jedoch nicht nachweisen lassen. Einfluss auf das Immunsystem können aber Viren haben, die es zu selbstagressiven Verhaltensweisen führen (Epstein-Barr-Virus).

Da die Entmarkungsherde bei Multipler Sklerose im gesamten zentralen Nervensystem auftreten können, kann die Multiple Sklerose fast jedes neurologische Symptom verursachen.

Die meisten Patienten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, wenn die Symptome zum ersten Mal auftreten. Bei mehr als einem Drittel der Patienten fängt die MS mit Gefühlsstörungen an: Arme oder Beine fühlen sich taub an oder es kribbelt auf der Haut. Viele Patienten fühlen sich müder als sonst und sind schnell erschöpft, haben Blasenstörungen oder fühlen sich unsicher beim Gehen und Stehen.

Sehstörungen mit Minderung der Sehschärfe und Störungen der Augenbewegung (internukleäre Ophthalmoplegie) sind ebenfalls typisch, aber nicht spezifisch für die Multiple Sklerose. Einige Patienten leiden unter Kraftlosigkeit in den Armen oder Beinen oder haben Schmerzen. Die geschilderten Symptome können einzeln, aber auch gleichzeitig auftreten.

MS-Schub
Äußern sich Entzündungsherde bei MS-Kranken mit schubartig stark zunehmenden Beschwerden, sprechen Mediziner von einem Schub. Nach einem ersten Schub können die Beschwerden verschwinden und nach einer Weile wieder auftreten. Manchmal kommen andere Symptome hinzu, die ebenfalls wieder zurückgehen können.

Der Verlauf von Multipler Sklerose ist individuell sehr unterschiedlich. Bei einigen Menschen mit MS gehen die Beschwerden nach einem Schub wieder komplett zurück, bei manchen nur teilweise. Bei manchen wird die Krankheit nach einigen Schüben, nach denen sich die Beschwerden immer wieder zurückbilden, im späteren Verlauf kontinuierlich stärker. Manchmal nehmen die Beschwerden auch von Anfang an gleichmäßig immer mehr zu und Schübe lassen sich nicht erkennen – in diesem Fall spricht man von einem progredienten Verlauf.

Häufige Symptome
  • Lähmungen
  • Empfindungsstörungen
  • Sehstörungen
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Blasen-, Darmstörungen
  • Schluckstörungen
  • Sprechstörungen
  • Augenstörungen
Diffuse Symptome
  • Vermehrte Erschöpfbarkeit (Fatigue)
  • Depression, Antriebsschwäche
  • Kognitive Störungen, Merkfähigkeit
  • Schmerzen (z.B. diffus, krampfartig)

Multiple Sklerose ist nicht heilbar. Ziel aller therapeutischen Maßnahmen ist es, die Unabhängigkeit des Patienten im Alltag zu erhalten und die beste erreichbare Lebensqualität zu gewährleisten. Die bestehenden therapeutischen Möglichkeiten lassen sich in die Schubtherapie, die immunmodulierende Langzeittherapie und die Behandlung symptomatischer Beschwerden unterteilen. Das Erreichen der Therapieziele setzt eine gute Zusammenarbeit von Patient und Behandlungsteam voraus. Die Auswahl der therapeutischen Maßnahmen berücksichtigt immer den individuellen Fall des Patienten und seine persönlichen Zielsetzungen.

Die Wahl der Therapieformen unterscheidet sich in vielen Punkten auch danach, ob es sich um eine schubförmig verlaufende oder primär progrediente Form der Erkrankung handelt.

Schubtherapie

Eine Schubtherapie ist bei starker, schubweise auftretender funktioneller Beeinträchtigung des Patienten angezeigt. So kann zum Beispiel die Gabe von hochdosierten therapeutischen Glucocorticoiden während eines Schubes die Rückbildung von Symptomen initiieren und beschleunigen. Glucocorticoide wirken entzündungshemmend. Unter anderem vermindern sie auch die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke, so dass weniger weiße Blutkörperchen in die Entzündungsherde im zentralen Nervensystem einwandern können.

Immunmodulation und Immunsuppression

Die Therapie zielt darauf ab, die Entzündungsreaktionen im Zentralen Nervensystem zu dämpfen und neurologische Defizite auf diese Weise zu mindern. Auch wenn an vielen Stellen keine Unterscheidung zwischen Immunmodulation und Immunsuppression stattfindet, sind die zwei Begriffe klar voneinander zu trennen:

  • Die immunmodulierende Therapie umfasst die Behandlung mit Beta-Interferonen, Glatirameracetat, intravenösen Immunglobulinen (IVIG) und Natalizumab. Wie und warum diese Substanzen wirken ist nicht immer vollständig bekannt. Lediglich zum Natalizumab kann man sagen, dass es speziell entwickelt wurde, um den Fluss weißer Blutkörperchen in das zentrale Nervensystem zu vermindern.
  • Immunsuppressiva sind Mitoxantron, Azathioprin und Cyclophosphamid. Alle diese Stoffe beschränken die Vermehrung der weißen Blurkörperchen
Symptomatische Therapie

Im Verlauf der MS können viele Symptome zu einer Verminderung der Lebensqualität führen. Die jeweiligen Funktionsstörungen und ihr Ausmaß sind dabei bei jedem Patienten unterschiedlich ausgeprägt. Besonders häufig und einschränkend sind Spastik, Schmerzen, Blasenfunktionsstörungen, Sprech- und Schluckstörungen, eine schnellere psychische und physische Ermüdbarkeit (Fatigue-Syndrom) sowie depressive Störungen. Zur Behandlung dieser Symptome eignen sich neben Änderungen der Lebensführung physiotherapeutische, logopädische, ergotherapeutische, psychotherapeutische, medikamentöse und operative Maßnahmen. Besonders wichtig ist die vorbeugende Prophylaxe gegen schwerwiegende Komplikationen wie z. B. Lungenembolien, Thrombosen, Gelenkkontrakturen oder Harnwegsinfektionen. Diese Komplikationen sind mit für die im Vergleich zur Gesamtbevölkerung verminderte Lebenserwartung bei MS-Patienten verantwortlich.

Behandlung der Spastik

Spastische Tonuserhöhungen der Muskulatur kommen durch Herde in der Pyramidenbahn zustande. Sie können direkt Schmerzen oder ein Spannungsgefühl verursachen oder über Folgezustände wie Muskel- und Gelenkkontrakturen, Fehlstellungen und Immobilität zu Schmerzen führen. Eine Physiotherapie ist bei pathologischen Tonuserhöhungen immer geboten. Mittels Krankengymnastik lässt sich dabei die tonisch erhöhte Muskulatur inhibieren (hemmen) und detonisierte Muskulatur und Bewegungskoordination aktivieren bzw. fazilitieren (bahnen). Medikamentös kann oral beispielsweise mit Baclofen oder Tizanidin behandelt werden. Umschriebene spastische Tonuserhöhungen können auch mit Injektionen von Botulinumtoxin behandelt werden. Eine weitere Option besteht in der Gabe von Baclofen oder Triamcinolon direkt in den Subarachnoidalraum im Bereich der Lendenwirbelsäule (intrathekale Applikation).

Schmerztherapie

Schmerzen können bei MS-Patienten vielfältige Ursachen haben. Die direkt durch Entzündungsherde verursachte Trigeminusneuralgie, die anfallsweise auftritt, kann medikamentös behandelt werden. Auch chronische Schmerzen (meist der Extremitäten), die vermutlich durch Herde im Rückenmark entstehen, werden durch die MS selbst verursacht und können beispielsweise medikamentös mit Amitriptylin behandelt werden. Schmerzen können auch indirekt durch Folgen der MS wie eine spastische Tonuserhöhung der Extremitäten oder Harnwegsinfekte verursacht sein. Die Therapie richtet sich in diesen Fällen nach der jeweiligen Ursache.

 

Behandlung der Blasenfunktion

Blasenfunktionsstörungen manifestieren sich in imperativem Harndrang und Inkontinenz. Den Störungen zugrunde liegen kann eine Speicherstörung, Entleerungsstörung oder eine Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie der Harnblase. Nach spezifischer urologischer Diagnostik kann eine entsprechende Therapie mit einer Einteilung der Flüssigkeitszufuhr, Beckenbodengymnastik, Katheterisierung und Medikamenten erfolgen. Harnwegsinfekte, die häufig in Folge von Blasenfunktionsstörungen auftreten, müssen antibiotisch behandelt werden. Exsikkosen, die dadurch entstehen, dass die Patienten weniger trinken, um die Blasenstörungen zu minimieren, sollten vermieden werden.

Behandlung von Sprech- und Schluckstörungen

Sprech- und Schluckstörungen können zu einer erheblichen Belastung der Patienten führen. Akut im Rahmen eines Schubes entstandene Störungen werden mittels der Schubtherapie behandelt. Bleiben die Beschwerden bestehen, kommen hauptsächlich logopädische Maßnahmen zum Einsatz. Bei ausgeprägten Schluckstörungen können auch eine parenterale Ernährung und die Anlage einer PEG notwendig werden.

Behandlung von Fatigue und depressiven Störungen

Die Diagnosekriterien einer Fatigue-Symptomatik und einer Depression enthalten ähnliche Elemente. Bei vielen Patienten liegt beides vor. Eine depressive Störung kann medikamentös mit Antidepressiva beispielsweise aus der Gruppe der sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) behandelt werden. Eine psychologische Betreuung kann auch mit dazu beitragen, sekundär aufgetretene depressive Störungen zu behandeln und Krankheitsfolgen besser zu bewältigen. Zur medikamentösen Behandlung des Fatigue-Syndroms können neben Antidepressiva unter anderem auch Amantadin und Modafinil eingesetzt werden.

Ernährung

Eine Meta-Analyse ergab keinen Hinweis auf einen wesentlichen Effekt verschiedener Ernährungsformen auf den Krankheitsverlauf. Gleichwohl kann nach Auffassung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) eine geeignete Ernährung zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen. Empfohlen wird eine ausgewogene, fettarme, ballaststoff- und vitaminreiche Ernährung bei ausreichender Kalorienzufuhr; Übergewicht sollte vermieden werden. Von einseitigen Diäten wird abgeraten.

Interview mit Prof. Dr. Christian Dettmers

"Die Behandlungsmöglichkeiten werden sich stark differenzieren"

Die Kliniken Schmieder Konstanz und Gailingen sind als MS-Rehabilitationszentren von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft ausgezeichnet. Prof. Dr. Christian Dettmers leitet den Schwerpunkt und forscht seit vielen Jahren zu diesem Krankheitsbild. Er berichtet über neue Behandlungs- und Therapieansätze sowie aktuelle Entwicklungen.

Herr Prof. Dettmers, können Sie bitte kurz die derzeitigen Behandlungsmöglichkeiten bei MS skizzieren?

Dettmers: Die drei grundsätzlichen Behandlungsebenen bei der MS umfassen die Schubbehandlung, die immunmodulierende oder verlaufsmodifizierende Behandlung und die symptomatische Behandlung. Die Schubbehandlung beruht im Allgemeinen auf einer Cortison-Stoßtherapie über drei Tage, die gegebenenfalls auch noch einmal nach 14 Tagen in doppelter Dosierung wiederholt werden kann.

Für die verlaufsmodifizierende Behandlung unterscheidet man mittlerweile die Therapie beim wenig aktiven oder moderaten Verlauf und die Therapie beim aktiven oder hochaktiven Verlauf. Bei milder oder moderater Verlaufsform sind die Medikamente Copaxone und Interferone, die injiziert werden, weiterhin eine wichtige Option. Dies kann z. B. vorteilhaft sein, wenn eine Schwangerschaft geplant ist. Ebenfalls für die milde oder moderate Form des schubartigen Verlaufes haben Tecfidera und Aubagio die Zulassung. Sie haben den Vorteil, dass sie als Tabletten einfach einzunehmen sind. Für die aktive oder hochaktive Form gibt es eine weitere Tablette: Gilenya, deren Wirksamkeit etwas höher eingeschätzt wird. Für den hochaktiven Verlauf kommen Tysabri und Lemtrada in Frage. Durch die Bestimmung des JC-Virus-Antikörper lässt sich mittlerweile das Risiko der gefürchteten PML unter Tysabri eingrenzen. Vermutlich die wirksamste Substanz beim schubförmigen Verlauf ist derzeitig Lemtrada. Hier ist es aufgrund von seltenen Nebenwirkungen notwendig, dass man über vier bis fünf Jahre regelmäßig, d. h. alle vier Wochen Laborkontrollen durchführen lässt. Weitere Behandlungsoption ist Cladribin, das gezielt die T- und B-Lymphozyten angreift. Seit Januar 2018 steht auch ein monoklonaler Antikörper zur Behandlung der primär progredienten MS zur Verfügung (Ocrelizumab).

Aufgrund der Vielfalt der Behandlungsmöglichkeiten sind Patienten und Behandler aufgerufen, im Einzelfall die wirksamste und günstigste Behandlungsform zu wählen. Hier ist eine gewisse Trägheit des Systems zu spüren, dass nicht immer konsequent Umstellungsmöglichkeiten wahrgenommen werden. Hier sollte in den nächsten Jahren ein kritischer Umgang gefördert werden und bei Zeichen von Krankheitsaktivität (neue Herde im MRT, Schübe) kritisch überdacht werden, ob ein Umsetzen auf ein stärker wirksames Medikament sinnvoll oder möglich ist. Ziel ist es, möglichst wenig Krankheitsaktivität zuzulassen. Das Stichwort hierzu heißt: NEDA No Evidence of Disease Activity.

Die dritte Handlungsebene ist die symptomatische Therapie, bei der es um die Behandlung von Blasenstörungen, Spastik, Schmerzen, Depressionen oder Sexualstörungen geht. Diese Symptome sind wichtig und sollten thematisiert werden, da sie vom Patienten nicht immer spontan geäußert werden, aber einen hohen Leidensdruck verursachen. Die größten ungenutzten Behandlungsmöglichkeiten liegen wahrscheinlich im Bereich der Blasenstörungen. Häufiger Harndrang, nächtlicher Harndrang, Schwierigkeiten, das Wasser zu halten, lassen sich im Allgemeinen gut beeinflussen. Hier werden bisher die Behandlungsmöglichkeiten nicht immer von allen ausgeschöpft.

Unseren Patienten ist nicht immer klar, dass es sich bei diesen Behandlungsmöglichkeiten quasi um drei unterschiedliche „Schubladen“ handelt, die jeder für sich konsequent ausgenutzt werden sollte.

Wie ist der aktuelle Forschungsstand bezüglich der Entstehung von MS?

Dettmers: Bei der Genese der MS geht man immer noch von einem multifaktoriellen Geschehen aus, in das viele Faktoren hineinspielen wie eine gewisse genetische Prädisposition, vermutlich eine Infektion in früher Kindheit und Faktoren, die im späteren Verlauf des Lebens den eigentlichen Immunprozess erneut triggern. Eine interessante Rolle spielt die Sonneneinstrahlung und der Vitamin D-Spiegel, die offensichtlich auf den Immunprozess einen Einfluss ausüben. Leider sprechen Studien derzeitig noch nicht dafür, dass die Einnahme von Vitamin D die Schubrate reduzieren kann. Möglicherweise ist das Vitamin D zu einem viel früheren Zeitpunkt wirksam – möglicherweise zum Zeitpunkt der Schwangerschaft der Mutter. Es ist ebenfalls bekannt, dass Kinder die im Frühjahr geboren werden ein höheres Erkrankungsrisiko haben, was möglicherweise mit der geringeren Sonnenexposition der Mutter in der Schwangerschaft zusammenhängen könnte. Hier bleibt es weiter spannend.

Sind neue Medikamente in Aussicht, mit denen sich weitere Behandlungserfolge erzielen lassen?

Dettmers: Wir erwarten weitere Zulassungen in diesem oder im nächsten Jahr, u.a. auch für die sekundär progrediente MS. Dann sollte man zumindest bei schneller Verschlechterung allen Patienten – auch bei unterschiedlichem Verlaufstyp – etwas anbieten können.

Seit Jahren setzen Sie sich intensiv mit dem Fatigue-Syndrom (schnelles Ermüden) bei MS-Patienten auseinander. Gibt es hierzu neue Erkenntnisse?

Dettmers: Primäre Fatigue muss man weiterhin als ein vielschichtiges Geschehen versuchen zu begreifen, in dass das Ausmaß der Demyelinisierung und des axonalen Verlustes reinspielt, immunologische Prozesse oder Cytokine, Kompensationsphänomene und Reorganisation, sowie möglicherweise auch hormonelle Wirkungen und Regelschleifen des Hypothalamus. Diese Prozesse sind möglicherweise bei verschiedenen Patienten in unterschiedlichem Ausmaß beteiligt. Insofern ist derzeit auch noch keine differenzierte medikamentöse Therapie möglich. Die Fatigue hat für uns in der Rehabilitation jedoch enorme Bedeutung, weil sie so häufig ist und in der sozialmedizinischen Leistungsbeurteilung oft einen wichtigen Faktor darstellt. Unbenommen davon ist, dass es zusätzlich viele andere Gründe für eine sekundäre Fatigue gibt vor allem Schlafstörungen und Depression.

In den letzten Jahren haben wir uns sehr intensiv mit der Diagnostik und Objektivierung von Fatigue beschäftigt. Kognitive Fatigue lässt sich durch Messung von Reaktionszeiten überprüfen, die typischerweise im Tagesverlauf zunehmen und auch nach einer standardisierten Belastung länger werden. Motorische Fatigue (eigentlich besser Fatigability im Sinne von Erschöpfbarkeit und Abnahme des Leistungsvermögens) lässt sich gut nachweisen durch Ganganalysen auf dem Laufband. Hier lassen sich durch Messungen und Berechnungen Gangbildveränderungen nachweisen, wie sie typisch für eine erhöhte Erschöpfbarkeit sind. Dies ermöglicht heutzutage, motorische Fatigability zu diagnostizieren und zu objektivieren. Wir haben jetzt auch noch einmal eine Studie durchgeführt, um nachzuweisen, dass diese Gangbildveränderungen, wie sie bei Fatigability typisch sind, nicht bei Depression auftreten. Unserer Meinung nach stellt diese Art der Ganganalyse ein wichtiges Instrumentarium, um Depression und Fatigability, zumindest im Bereich der Motorik, sicher unterscheiden zu können. Mittlerweile hat sich die Unterscheidung zwischen Fatigue als subjektiver Wahrnehmung des Patienten und Fatigability als objektive Veränderung der performance/Leistungsfähigkeit des Patienten, die beobachtbar und messbar ist, in der Wissenschaft etabliert. In der Psychosomatischen Abteilung wird unter Leitung von Prof. Dr. Roger Schmidt an einem Konzept der emotionalen Fatigue gearbeitet.

Wie wird die Sporttherapie bei MS eingesetzt?

Dettmers: Bei dem Thema MS und Sport hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Während früher Patienten aufgrund des entzündlichen Prozesses zur Schonung angehalten wurden, gehen wir heute davon aus, dass Sport in vielerlei Hinsicht einen günstigen Effekt auf die Gesundheit, das Immunsystem, Fitness, Koordination und Fatigue hat. Selbst jungen Menschen zu Beginn der Erkrankung sollte man zum Sport raten. Je höher das Ausgangsniveau hinsichtlich der körperlichen Fitness ist, desto mehr Ausfallserscheinungen können die Patienten später kompensieren. Sport hat natürlich darüber hinaus auch einen positiven Effekt auf die Psyche und die Lebensqualität. Spezifische Sportarten für MS-Patienten gibt es vermutlich nicht. En vogue ist zurzeit das Klettern. Eine große Kunst ist natürlich, die schon deutlich betroffenen Patienten noch einmal zu sportlichen Aktivitäten zu animieren.

 

MANUELA HERRENKNECHT ÜBER IHR LEBEN MIT MS.

«Ich habe riesige Fortschritte gemacht!»

Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Entmarkungserkrankung des zentralen Nervensystems. Neben der Epilepsie ist sie eine der häufigsten neurologischen Krankheiten bei jungen Erwachsenen. Die meisten Patienten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, wenn die Symptome zum ersten Mal auftreten. Bei mehr als einem Drittel der Patienten fängt die MS mit Gefühlsstörungen an: Arme oder Beine fühlen sich taub an oder es kribbelt auf der Haut. Ziel der therapeutischen Maßnahmen ist es, die Unabhängigkeit des Patienten im Alltag zu erhalten. Die beste erreichbare Lebensqualität soll für die Patienten gewährleistet werden.

Im Jahr 2006 vermutet Manuela Herrenknecht nach einem Kinobesuch zuerst nichts Schlimmes, als sie ein Taubheitsgefühl im Schienbein bekommt. Kurze Zeit später erhält sie die Diagnose Multiple Sklerose. Trotz der chronischen Erkrankung arbeitet sie weiter als Hausdame und erfährt von ihrer Familie und den Kollegen großen Rückhalt. Dazu engagiert sie sich in einer Frauen-Selbsthilfegruppe.

„Ich leide an einer chronisch progredienten Form der Multiple Sklerose, das heißt sie wird fortwährend schlimmer. Zuerst hatte ich aufgesetzte, bzw. akute Schübe. Die Verschlechterung spürt man, auch wenn mein letzter Schub im Jahr 2009 war. Das Hauptproblem sind die Gehschwierigkeiten, dazu Spastiken und Lipödeme in den Oberschenkeln, Kribbeln in den Beinen, Taubheitsgefühl. Als ich die Diagnose bekam, war das ein Schock! Meine Familie hat mich von Anfang an unterstützt, das ist nicht selbstverständlich! Mit meinem Mann bin ich mittlerweile 27 Jahre verheiratet, wir kennen uns bereits seit Kindertagen.

Aber man wird gut informiert, auch durch die AMSEL. Mit der Mutter eines Klassenkameraden, die ebenfalls an MS leidet, habe ich dann angefangen mich für einen Frauen-Stammtisch zu engagieren, wo sich Betroffene austauschen können. Anfangs bin ich noch mit am schlechtesten gelaufen, aber die neu dazu Gestoßenen sind oftmals noch schlechter dran. Ich habe noch Glück gehabt, es gibt schlimmere Verläufe, sodass ich noch zufrieden sein kann. So kann ich auch weiterhin arbeiten – ich bin Hausdame in einer Rehaklinik in der Nähe von Freiburg in den Abteilungen der Kardiologie und der Psychosomatik. Wir arbeiten stehend, gehend und teilweise auch am PC. Das war am Anfang schon schwer, weil ich langsamer war als die anderen. Zum Glück haben wir einen Wagen, auf denen unser Material für die Zimmer steht, der mir beim Laufen hilft. Denn ganz frei konnte ich seitdem nicht mehr laufen. Wir kontrollieren alles, machen einen technischen und einen Reinigungs-Check und schauen, ob etwas fehlt oder aufzufüllen ist. Zwei Kolleginnen unterstützen mich, wenn ich Hilfe brauche. Für mich war es natürlich auch sehr interessant zu vergleichen, wie der Reha-Alltag hier funktioniert und welche Unterschiede es zwischen den Einrichtungen gibt.

Mein Mann hat mich dann bestärkt endlich in die Reha zu gehen und die Genehmigung kam dann auch recht schnell. Insbesondere das freie Laufen lerne ich hier wieder! Da habe ich bereits riesige Fortschritte gemacht. Davor bin ich teilweise sogar in der Wohnung mit Krücken gelaufen, obwohl ich da Wände zum Abstützen habe. Nur noch die Treppen und das Gehen im Freien stellen derzeit ein Problem dar, aber dafür werde ich nun auch gesondert trainieren, denn zuhause wohnen wir im zweiten Obergeschoss. Treppen und das Laufen im Freien kann ich zwar mit Hilfsmitteln bewältigen, aber kaum noch auf diese angewiesen zu sein, ist schon eines meiner Ziele. Als mein Mann und mein Sohn zu Besuch da waren, waren die total erstaunt über meine Fortschritte. Mein Mann hat sich sogar gefragt, wann er mich das letzte Mal so laufen sehen hat.

Zwei Wochen bin ich nun noch in Therapie und bin bereits jetzt super zufrieden mit dem Verlauf der Reha. Neben dem Gehen übe ich hier außerdem die Armkoordination, um die Bewegung und das Gleichgewicht im Stand weiter zu verbessern, und meine Reaktion und Konzentration mit Spielen am PC. Außerdem nehme ich am Gerätetraining, der Entspannungsgruppe und Ernährungsseminaren teil. Die Werktherapie macht mir auch riesigen Spaß! Bei mir fehlt es eher an der Feinmotorik, deshalb male ich dort ein Seidentuch. Andere flechten Körbe oder arbeiten mit Holz. Auch die Berufstherapie bringt mich weiter, denn dort wird genau auf die Anforderungen im Berufsleben eingegangen und hilfreiche Tipps gegeben. Zuletzt habe ich noch Lymphdrainage aufgrund des Lipödems in den Beinen. Das tut richtig gut und entwässert. Ich hoffe, das kann ich auch zuhause weiterführen. Zudem singe ich sehr gerne und gehe deswegen noch zur Singgruppe.

Ich werde auf jeden Fall für mich einiges mitnehmen und zuhause versuchen, die Sachen, die mir körperlich gut getan haben, auch dort weiterzuführen. Zum Beispiel die Sitzgymnastik mit dem Thera-Band. Dabei kann ich den Oberkörper und die Beine trainieren. Den Leitsatz der Kliniken Schmieder „Nie aufgeben!“ finde ich richtig passend! Man muss wirklich an sich arbeiten und positiv denken. Jeder kann sich verändern und vielleicht auch mal was wagen!“

Die Kliniken Schmieder behandeln an allen Standorten Patienten mit Multipler Sklerose. Die Kliniken Schmieder Konstanz und die Kliniken Schmieder Gailingen sind von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) als Anerkannte MS-Zentren ausgezeichnet.

Unter dem Dach des klinikeigenen Lurija Instituts für Rehabilitationswissenschaften und Gesundheitsforschung werden seit Jahren Forschungsprojekte zum besseren Verständnis der Erkrankung und zur Weiterentwicklung der Behandlungsmöglichkeiten durchgeführt.

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Sekretariat
Neurorehabilitation/MS
Astrid Scholter

Tel.: 07531-986-3536

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