Forschungsprojekt

Digitale Nachsorge

Neurologische Rehabilitation in Deutschland ist interdisziplinär, ausdifferenziert und nachgewiesen wirksam. Eines ist sie jedoch nicht, nämlich problemlos Sektoren-übergreifend. Ausnahmen hiervon sind zum Beispiel im Rahmen des IRENA (= intensivierte Reha Nachsorge)-Programms der Deutschen Rentenversicherung oder bei der Beantragung einer sogenannten stufenweisen Wiedereingliederung aus der Rehabilitation heraus möglich.

Aus dieser Situation ergeben sich zahlreiche Problemlagen. So konnte in einer Kooperation mit der Sozialmedizin der Charité gezeigt werden, dass ca. 40 % der Empfehlungen aus der Rehabilitation im ambulanten Sektor nicht umgesetzt werden. Die Gründe hierfür mögen vielfältig sein. Eine Verstetigung der Rehabilitationsergebnisse erscheint unter solchen Ausgangsbedingungen schwierig (Schindel, Schneider, Grittner, Jobges, & Schenk, 2021). Die sich seit 2019 ausbreitende SARS-CoV-2-Pandemie brachte weitere Herausforderungen fur die Rehabilitation. So musste die Teilnehmendenzahl in Gruppentherapien reduziert werden und neue Besuchs-, Impf- und Testsysteme mussten implementiert werden.

Digitale Lösungen oder auch solche, die auf „Neuen Medien" basieren, kamen in vielen Kliniken zum Einsatz. Sie leisteten einen Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen und kreierten eine neue Offenheit digitalen Tools gegenüber. So auch bei den Kliniken Schmieder, die in Kooperation mit einem Technikpartner die Digitale Nachsorge anbieten. Hierbei bleiben die Gestaltung des Therapieangebots und Inhalte der Nachsorge in den Händen der Kliniken Schmieder. Zahlreiche Vorträge und Übungen wurden aufgenommen und digitalisiert. Klinikeigene Therapeut:innen bringen die Rehabilitand:innen wahrend der Rehabilitation mit der „Mein Schmieder aktiv“-App in Kontakt und erläutern deren Funktionsweise, diese kann vor Ort eingeübt werden. Zum Abschluss der Rehabilitation werden für die Teilnehmenden der Digitalen Nachsorge individuelle Therapiepläne erarbeitet. Auch die Weiterbetreuung der Teilnehmenden geschieht durch Therapeut:innen der Klinken Schmieder, die in der Regel einen Teil ihrer Arbeitszeit in der Neurologischen Rehabilitation und den anderen Teil in der Digitalen Nachsorge verbringen.

Zahlreiche Anpassungen des Systems wurden seit Einführung bereits unternommen, so wurde zum Beispiel eine eigene Software zur Abbildung und Steuerung des „Workflows“ entwickelt.

Auch im Bereich der Rehabilitationswissenschaft im engeren Sinne setzten wir Projekte auf, meist in Form von Master- und Bachelorarbeiten, die unmittelbaren Einfluss auf unser Vorgehen in der Digitalen Nachsorge haben.

Ein wichtiges Thema, das direkten Einfluss auf den Erfolg des Programms hat, ist die Adhärenz der Teilnehmenden. In ihrer Bachelorthesis im Bereich der Sportwissenschaften an der Universitat Konstanz beschäftigte sich Franka Drescher eingehend mit den individuellen Kontextfaktoren und deren Einfluss auf den Verlauf der Nachsorge. Sie konnte feststellen, dass individuelle Parameter wie Geschlecht, Hauptdiagnose, Alter oder Bildungsgrad keine nachweislichen Auswirkungen auf die Trainingsadhärenz zeigten. Auch Kontextfaktoren zum Beruf, wie die momentane Arbeitsfähigkeit oder die wöchentliche Arbeitszeit ließen keine Rückschlüsse auf die Trainingshäufigkeit zu. Als auffällig stellte sich allerdings der Zusammenhang zwischen den Interaktionshäufigkeiten mit den Therapeut:innen und der Trainingsadhärenz heraus, welche Franka Drescher anhand der Aktivitätsminuten pro Woche definierte (90 Aktivitätsminuten = 100 %).

Sandra Wirth-Walentin untersuchte in ihrer Bachelorarbeit im Studiengang Motorische Neurorehabilitation an der Universität Konstanz die Auswirkungen von Vorerfahrungen im Sport und von persönlichen Bewertungen auf die motorische Therapieadhärenz in der Digitalen Nachsorge. Eine sportliche Vorerfahrung oder das Fehlen einer solchen zeigte ebenfalls keine positiven oder negativen Auswirkungen auf die Teilnahme. Sandra Wirth-Walentin konnte allerdings herausarbeiten, dass die Alltagsumsetzbarkeit ein entscheidender Faktor aus Sicht der Teilnehmenden ist. Eine Arbeitsgruppe der Digitalen Nachsorge erarbeitete eine Handreichung für Teilnehmende mit zahlreichen Tipps zur Gestaltung des Trainings im häuslichen Umfeld, um diese Problemstellung zu adressieren.

Um ein tieferes Verständnis von den Verläufen der Nachsorge zu erhalten, untersuchte Robin Stadel diese anhand einer Zeitreihenanalyse im Rahmen seiner Masterarbeit im Studiengang Master of Health Business Administration an der FAU Erlangen-Nürnberg. Hierbei zeigte sich, dass bereits die ersten Wochen wegweisend und entscheidend für den Erfolg oder Abbruch der Nachsorge zu sein scheinen. Bereits nach sechs Wochen konnte, basierend auf dem statistischen Modell der logistischen Regression, mit einer Genauigkeit von mehr als 80 % vorhergesagt werden, ob die Teilnehmenden einen Modulbereich der Nachsorge vollständig beenden oder im Verlauf abbrechen wurden. Im retrospektiven Vergleich lagen die insgesamt absolvierten Therapieeinheiten in den erfolgreich beendeten Fällen nach den ersten sechs Wochen im Mittel bei 14,2 Einheiten a 90 Minuten. Die Fälle, die im Verlauf abbrechen würden, lagen nach dieser Zeit im Mittel bei lediglich 5,8 absolvierten Einheiten.

 

Voraussetzung für die individuelle Betreuung der Teilnehmenden ist eine gute Kenntnis der individuellen Trainingsadhärenz und des motorischen Fortschritts. Der erste Punkt wird durch den „Workflow“ des Nachsorge-Systems technisch unterstützt, doch bei der Rückverfolgung des Fortschritts waren die Therapeut:innen bislang auf die Aussagen der Patient:innen angewiesen. Assessments, wie sie im innerklinischen Bereich üblich sind, sind in der Nachsorge aufgrund der räumlichen Distanz nicht durchführbar. Mit dieser Problemstellung befasste sich Monika Helme im Rahmen ihrer Bachelorarbeit im Studiengang Motorische Neurorehabilitation an der Universität Konstanz. Sie entwickelte sogenannte Out-of -Office-Measurements, die von den Teilnehmenden im Verlauf der Nachsorge selbstständig und zu Hause durchgeführt werden können. Anhand eines Fragebogens überprufte Monika Helme die Akzeptanz und Praktikabilität, welche sehr gut ausfiel. Bei einem ersten Vergleich der Messergebnisse, stellte sie außerdem einen signifikanten Unterschied im Closed-Kinetic-Chain-Test fest (p = 0.045).

Die bisherigen Arbeiten münden nun in ein größeres Folgeprojekt. Dieses soll die Etablierung der Out-of-Office- Measurements begleiten und die Effekte der regelmäßigen Durchführung untersuchen. Erwartet wird vor allem eine Steigerung der individuellen Selbstwahrnehmung und eine Verbesserung der Therapieadhärenz. Auch für das therapeutische Team dürften die Messergebnisse eine Hilfestellung bei der individuellen Betreuung der Teilnehmenden sein.

Leitung und Beteiligte

Leitung

Prof. Dr. Michael Jöbges
Ärztlicher Leiter
Kliniken Schmieder Konstanz

Beteiligte

Robin Stadel
Leitung Digitale Angebote, Digitale Nachsorge
Kliniken Schmieder Heidelberg

Monika Helme
Supervisorin Digitale Nachsorge
Kliniken Schmieder

Franka Drescher
App-Assistenz
Kliniken Schmieder