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Lurija Institut: Forschungsprojekt

Gesichtsfeldausfälle und Arterienverletzungen

Heidelberger Forschungsprojekte zu Neglect und zervikale Dissektionen

Etwa ein Drittel aller Patienten leiden nach ihrem Schlaganfall an einem sogenannten Neglect. Das Wort „Neglect“ kommt aus dem Englischen und heißt dort „vernachlässigen“. Die Erkrankung ist schwer zu begreifen: die Betroffenen können eine Hälfte ihres Körpers und ihrer Umgebung nicht mehr oder nur unvollständig wahrnehmen. Durch die Schädigung einer Hirnhälfte, meist der rechten, gelingt es ihnen nicht mehr ihre Aufmerksamkeit auf die gegenüberliegende Seite (also die linke) zu richten. Sie verhalten sich dann so, als gäbe es sie einfach nicht mehr, was im Alltag dazu führen kann, dass Patienten z. B. nur die Hälfte ihres Tellers aufessen, Männer sich nur die rechte Gesichtshälfte rasieren oder Frauen halbseitig geschminkt das Haus verlassen. Außerdem steigt durch die unvollständige räumliche Orientierung und das fehlende Bewusstsein für die andere Hälfte des Körpers erheblich die Sturz- und Verletzungsgefahr.

Auf diesem neuropsychologischen Defizit nach einem Schlaganfall liegt einer der Schwerpunkte unseres ehemaligen Ärztlichen Leiters in Heidelberg Priv.-Doz. Dr. Tobias Brandt und seinem Team. So wurde bei einer Studie mittels der CIMT-Therapie (Constraint Induce Movement Therapy), die gesunde Seite der Neglect- Patienten immobilisiert. Das bedeutet, dass ein motorisches Intensivtraining für die betroffene Seite entsteht, da der Patient während der Therapie gezwungen ist, der gelähmten und vernachlässigten Seite besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Bei der Studie wurden zehn Tage lang je sechs Stunden täglich motorische Aufgaben durchgeführt: so sollten Patienten z.B. mit einem Stift auf Papier aufgezeichnete Linien halbieren. Dabei konnte gezeigt werden, dass die Patienten mit CIMT-Therapie deutlich größere Erfolge verzeichnen konnten, als die Patienten der Kontrollgruppe, die die gleichen Aufgaben im gleichen Zeitraum ohne CIMT bearbeitet hatten. Der CIMTGruppe gelang eine höhere Aufmerksamkeitslenkung auf die betroffene Extremität und sie konnte ihre Therapieziele besser verwirklichen. Dies zeigt deutlich, dass CIMT auch bei Neglect- Patienten einer motorischen Vernachlässigung erfolgreich entgegenwirken kann.

In einer weiteren Studie mussten sich Patienten mit leichtem Neglect durch eine geschickte Führung der Neuropsychologen eine Bewegung links vorstellen, obwohl sie diese kaum bewegen konnten. Diese sogenannte Imagination wurde im funktionellen Magnet-Resonanz-Tomographen (fMRT) durchgeführt und die Aktivierungsmuster im Gehirn untersucht. Im Vergleich zu den gesunden Kontrollpersonen, die um sich die Bewegungen vorzustellen ihr motorisches Zentrum nur einseitig aktivierten, aktivierten die Schlaganfallpatienten beidseitig. Sie kompensieren also zusätzlich mit der gesunden Seite und müssen ausgedehntere Gebiete im Gehirn aktivieren, um sich das Gleiche vorstellen zu können wie die gesunden Probanden. Folglich ist trotz Neglect eine motorische Aktivierung der Vorstellungskraft möglich, auch wenn sehr viel mehr Hirnareale beansprucht werden. Der nächste Schritt ist es nun, diese Forschungsergebnisse in neue Zugänge für die Behandlung zu überführen.

Ebenfalls nahmen die Heidelberger Wissenschaftler an einer großen internationalen Studie über zervikale Dissektionen teil, die den mechanischen Einfluss bei 1000 Schlaganfallpatienten untersuchte. Dissektionen sind Einrisse der inneren Arterienwand, die direkt oder durch Thrombenbildung zu einem Gefäßverschluss führen können und folglich zu einem Hirninfarkt. Bei 40 Prozent der Patienten wurden mechanische Auslöser gefunden, also unerwartete heftige Nackenbewegungen im Vorfeld des Schlaganfalls. Das bedeutet, dass der mechanische Einfluss auf den Einriss der Arterienwände, wodurch die Arterie verstopft und ein Schlaganfall ausgelöst wird, doch größer ist als bisher vermutet. Eine weitere Studie dieser internationalen Forschungsgemeinschaft, die in der Fachzeitschrift „Nature Genetics“ veröffentlicht wurde, stellte außerdem eine gewisse genetische Verletztbarkeit heraus. Dies bedeutet, dass es bestimmte Risikogene gibt, die das Auftreten von Dissektionen und somit einen Schlaganfall bei jüngeren Patienten begünstigen können. Ausgehend sowohl von einer genetischen Prädisposition also auch von der Annahme, dass selbst kleinere Nackentraumata somit zum Schlaganfall führen können, gilt es nun diese Bereiche weiter zu erforschen.

Forschungsprojekt

Gesichtsfeldausfälle und Arterienverletzungen

Priv.-Doz. Dr. Tobias Brandt, ehemaliger Ärztlicher Leiter, Kliniken Schmieder Heidelberg

Dr. Gundhild Leifert-Fiebach, Dipl.-Psych., Kliniken Schmieder Heidelberg
Dr. Anouk Welfringer, Dipl.-Psych., Kliniken Schmieder Heidelberg

Stiftung Schmieder für Wissenschaft und Forschung

Debette S et al (Brandt T), International Stroke Genetics Consortium, the CADISP group (2014): Common variation in PHACTR1 is associated with susceptibility to cervical artery dissection. Nature Genet. 2014 Nov 24. Doi: 10.1038/ng.3154. [Epub ahead of print].

Debette S et al (Brandt T) for the CADISP-plus consortium (2014): Familial occurrence and heritable connective tissue disorders in cervical artery dissection. Neurology. 2014 Oct 29. [Epub ahead of print].

Lyrer PA et al (Brandt T) Cervical Artery Dissection and Ischemic Stroke Patients (CADISP) Study Group (2014): Clinical import of Horner syndrome in internal
carotid and vertebral artery dissection. Neurology. 2014 May 6;82(18):1653-9.