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Lurija Institut: Forschungsprojekt

Funktionelle neurologische Symptome und Störungen

Funktionelle Neurologische Symptome und Störungen (FNS) stellen seit vielen Jahren einen Forschungsschwerpunkt des Lurija Instituts dar. Die wissenschaftliche Arbeit kann sich dabei auf fruchtbare Forschungskooperationen stützen und gründet unmittelbar in der klinischen Arbeit der Psychotherapeutischen Neurologie. Die Aufgabe dieser Spezialabteilung der Kliniken Schmieder liegt in der diagnostischen Klärung und integrierten Behandlung der vielschichtigen, klinisch oft unzureichend versorgten Krankheitsbilder, die sich aus dem Zusammentreffen neurologischer und psychischer Gesundheitsstörungen ergeben.

FNS sind komplexe Gesundheitsstörungen, die ihrem Erscheinungsbild nach wie eine neurologische Erkrankung erscheinen, ohne dass jedoch eine (hinreichende) körperliche Ursache ausgemacht werden kann. Nach Schätzungen leiden bundesweit bis zu 400.000 Menschen daran. In neurologischen Kontexten sind sie so häufig, dass sie zu einer diagnostischen und therapeutischen Herausforderung werden. Betroffene können z. B. durch Lähmungen, Bewegungsstörungen, Krampfanfälle, Blindheit oder Taubheit beeinträchtigt sein. Oft wird die Erkrankung lange nicht erkannt oder nicht angemessen behandelt, was zu langjährigen Krankheitsverläufen mit hohen Kosten für das Gesundheitswesen, weitreichenden sozialmedizinischen Problemen und nicht zuletzt großem individuellen Leid führt. Das gilt besonders, wenn FNS gemeinsam mit neurologisch erklärbaren Funktionsstörungen auftreten. Allein schon auf Symptomebene kann die Unterscheidung dann ausgesprochen schwer fallen.

Über die Jahre sind zahlreiche Arbeiten zu neurobiologischen Korrelaten sowie zu psychischen Aspekten entstanden, die für das Verständnis funktioneller neurologischer Symptombildungen, aber auch für die klinische Versorgung relevant sind (Literatur). Aktuell seien drei Beispiele genannt: In Zusammenarbeit mit Dr. Dipl.-Psych. Astrid Steffen und Prof. Dr. Brigitte Rockstroh (Fachbereich Psychologie der Universität Konstanz) konnte in einer MEG-Studie eine Aktivierung des somatosensorischen Cortex bei der zerebralen Verarbeitung emotionaler Information erfasst werden – ein Ergebnis, dass auf eine Integration somatosensorischer Reaktionen in emotionale Reaktionen bei FNS hinweist. Das wiederum könnte nicht allein auf neurobiologischer Ebene einen Erklärungsansatz dafür liefern, auf welchem Weg sich Seelisches körperlich niederschlägt.

In einer gemeinsam mit Forschern aus Magdeburg und Mainz durchgeführten fMRT-Studie stand die Frage im Mittelpunkt, inwieweit Veränderungen der Emotionsverarbeitung Veränderungen im Motornetzwerk bedingen. Es wurden Patienten mit funktioneller Hemiparese mittels eines Paradigmas untersucht, das die gleichzeitige emotionale und sensomotorische Stimulation erlaubt. Dabei zeigten sie im Vergleich zu Kontrollpersonen eine Aktivierung des Mandelkerns links, einem emotionsverarbeitenden Areal (Abb. 1a). Bei weitergehender Analyse (PPI) erwies sich diese Aktivierung als funktionell verbunden mit einem die Bewegung stark hemmenden Netzwerk (Abb. 1b). In einer Folgeuntersuchung wurden die Patienten mit Probanden verglichen, die gelernt hatten, eine Lähmung zu simulieren. Zusammenfassend zeigte sich, dass eine Anregung des Motornetzwerkes (durch die passive Handbewegung) bei Konversionspatienten Areale im Stirnlappen aktiv werden lässt, deren Aufgabe die Hemmung von Bewegung ist (Abb. 2a). Damit unterscheiden sich die Patienten von Gesunden in ihrer Hirnfunktion: Gesunde, die trainiert wurden, eine Lähmung zu simulieren, zeigen zwar auch Veränderungen in ähnlichen Arealen. Diese sind jedoch geringer ausgeprägt und weiter frontal gelegen (Abb. 2b). Klinisch sind die Ergebnisse deshalb von Bedeutung, weil die Annahme, dass es sich bei FNS um nichts anderes als Simulation handelt, zu diagnostischen Fehlurteilen führen kann. Ein rascher, konsequenter Behandlungsbeginn aber gilt als günstig für die Erholung der Patienten.

Forschungsprojekt

Funktionelle neurologische Symptome und Störungen

Prof. Dr. Roger Schmidt
Ärztlicher Leiter
Kliniken Schmieder Konstanz und Gailingen 

Schmidt R, Krauß B, Schörner K, Lütgehetmann R. Vom „entweder – oder” zum „sowohl als auch”: Die integrierte Versorgung komorbider neurologischer und funktionell psychischer Störungen im neurologischen Fach- und Rehabilitationskrankenhaus. Neurol Rehabil. 2007, 13 (2): 51-60.

Liepert J, Hassa T, Tüscher O, Schmidt R. Motor excitability during movement imagination and movement observation in psychogenic lower limb paresis.
J Psychosom Res. 2011, 70 (1): 59-65.

Schoenfeld MA, Hassa T, Hopf JM, Eulitz C, Schmidt R. Neural Correlates of Hysterical Blindness. Cerebral Cortex. 2011, 21 (10): 2394-2398.

Steffen A, Fiess J, Schmidt R, Rockstroh B. “That pulled the rug out from under my feet!” – adverse experiences and altered emotion processing in patients with functional neurological symptoms compared to healthy comparison subjects. BMC psychiatry. 2015, 15 (1): 133.

Fiess J, Rockstroh B, Schmidt R, Steffen A. Emotion regulation and functional neurological symptoms: Does emotion processing convert into sensorimotor activity? Journal of Psychosomatic Research, 2015. doi:10.1016/j.jpsychores.2015.10.009.

Fiess J, Rockstroh B, Schmidt R, Wienbruch C, Steffen A.
Functional neurological symptoms modulate processing of emotionally salient stimuli. Journal of
Psychosomatic Research. 2016, 91: 61-67.

Hassa T, de Jel E, Tüscher O, Schmidt R, Schoenfeld, MA. Functional networks of motor inhibition in conversion disorder patients and feigning subjects. Neuroimage Clin. 2016, 11: 719-727.

Abb. 1a Aktivierung bei emotionaler Stimulation und gleichzeitiger passiver Bewegung der betroffenen Hand bei Konversionspatienten > Gesunden: Aktivierung in einem emotionsverarbeitenden Areal (Mandelkern)

Abb. 1b Die Aktivierung eines emotionsverarbeitenden Areals (Mandelkern) ist funktionell verbunden mit einem die Bewegung stark hemmenden Netzwerk (IFG= inferiorer frontaler Gyrus, GP= Globus pallidus, STN= Nucleus subthalamicus).

Abb. 2a Aktivierung bei passiver Bewegung der betroffenen Hand bei Konversionspatienten > Bewegung der rechten Hand bei Gesunden: Beidseitige Aktivierung im Stirnlappen

Abb. 2b
Aktivierung bei passiver Bewegung der betroffenen
Hand bei Simulanten > Bewegung der rechten Hand bei Gesunden: geringe einseitige Aktivierung im Stirnlappen, weiter vorn gelegen