Funktionelle neurologische Störungen

Forschungsprojekt

Funktionelle neurologische Symptome und psychische Aspekte bei Multipler Sklerose

Ein Drittel der neurologisch Kranken weisen funktionelle neurologische Symptome (FNS) auf. Dabei handelt es sich um wiederkehrende bzw. anhaltende Symptome, für die es keinen ausreichenden organmedizinischen Befund gibt und die allein oder zusätzlich zu einer organisch neurologischen Erkrankung auftreten können. Patienten mit FNS haben mehr Leidensdruck, soziale Isolation und einen höheren Behinderungsgrad als Patienten mit organischen Symptomen. Darüber hinaus verbrauchen Patienten mit FNS doppelt so viele medizinischen Ressourcen wie Patienten mit organischen Symptomen, da FNS häufig übersehen bzw. falsch diagnostiziert und als Folge nicht korrekt behandelt werden. Die Diagnosestellung der FNS stellt sich noch einmal mehr als anspruchsvoll heraus, wenn dem Symptombild ein in erster Linie organisch bedingtes Krankheitsgeschehen wie z.B. Multiple Sklerose (MS) zugrunde liegt. Ursächlich dafür ist u.a. die Tatsache, dass FNS z.T. nur schwer von der organisch verursachten Symptomatik abzugrenzen sind. Trotz ihrer hohen klinischen Relevanz gab es bisher keine empirische Studie, die sich gezielt mit FNS bei MS beschäftigt hat.

Es gibt eine Reihe von verschiedenen Faktoren, die – allein und in Wechselwirkung miteinander – zum Auftreten der FNS beitragen. Das Vorliegen einer neurologischen Erkrankung zählt zu einem der wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung der FNS. Psychosozialer Stress in der Kindheit und im Erwachsenenalter stellt einen Risikofaktor sowohl für das Auftreten der FNS als auch für die erhöhte Schubaktivität bei MS dar. Solche Lebenserfahrungen bewirken eine veränderte Programmierung der biologischen Stressbewältigungssysteme, u.a. der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHN-Achse). Dies führt zu einer dauerhaft verstellten Stressantwort, was u.a. eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Psychopathologien nach sich zieht. Eine Verstellung der HHN-Achse konnte darüber hinaus auch bei Patienten mit FNS festgestellt werden.

Ein erheblicher Anteil der MS- und FNS-Patienten leidet an psychischen Störungen wie Depression und Angststörungen, die zusätzlich zu o.g. Faktoren durch einen inadäquaten Umgang mit Gefühlen gefördert werden. Auch die beeinträchtigte Fähigkeit, physiologische Abläufe im Körper wahrzunehmen, die als Interozeption bezeichnet wird, begünstigt sowohl das Auftreten psychischer Störungen als auch FNS.

Das Forschungsprojekt hat zum Ziel die Prävalenz der FNS in der Stichprobe der MS-Patienten anhand der Beurteilung durch Neurologen und Funktionstherapeuten (Physio- und Ergotherapeuten) einzuschätzen. Darüber hinaus werden FNS-begünstigende Faktoren mit psychologischen Fragebögen erhoben und deren Einfluss auf die körperliche Symptomatik beurteilt. Außerdem werden bewährte Verfahren zur Abklärung der möglichen Dysregulation der Stressbewältigungssysteme (Socially evaluated cold-pressor-task) und der Interozeption (Heartbeat counting task) verwendet. Des Weiteren soll die Feststellung des geeigneten diagnostischen Vorgehens der FNS bei einer MS anhand der Integration der o.g. Informationen ermöglicht werden. Darüber hinaus soll die Studie Anhaltspunkte für therapeutische Interventionen bieten, die im Rahmen der stationären interdisziplinären Behandlung stattfinden.

Das Forschungsprojekt stellt eine Vertiefung bzw. Erweiterung der Studie "Medizinisch ungeklärte Symptome, psychische Aspekte, Lebensgeschichte sowie deren Interaktion bei Patienten mit Multipler Sklerose" dar, die im Rahmen der Master-Arbeit von Frau Katya Piliavska im Jahr 2018 durchgeführt wurde und mit dem Stiftung-Schmieder-Preis für Forschungsarbeiten im Spezialgebiet der Neurologischen Rehabilitation ausgezeichnet wurde. Das laufende Projekt wird durch eine Kooperation von Forschern aus den Kliniken Schmieder bzw. aus dem Lurija Institut und der Universität Konstanz ermöglicht.

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Projektbeteiligte

Katya Piliavska, M. Sc.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Lurija Institut/Psychologin
Kliniken Schmieder Konstanz

Prof. Dr. Christian Dettmers
Ärztliche Leitung Schwerpunkt MS
Kliniken Schmieder Konstanz

Prof. Dr. Michael Jöbges
Ärztliche Leitung
Kliniken Schmieder Konstanz

Prof. Dr. Joachim Liepert
Ärztliche Leitung Neurorehabilitation
Kliniken Schmieder Allensbach

Prof. Dr. Jens Pruessner
Lehrstuhl Klinische Neuropsychologie
Universität Konstanz

Prof. Dr. Roger Schmidt
Vorstandsmitglied Lurija Institut

Dr. Michael Dantlgraber
Statistische Beratung
Universität Konstanz

Stiftung-Schmieder-Preis