Forschungsschwerpunkt

Phänomene verstehen: Digitale Erfassung von Verlaufsparametern bei Patient:innen mit MS – eine Pilotstudie

Es ist mittlerweile zunehmend Konsens, dass auch bei dem schubförmigen Verlaufstyp der Multiplen Sklerose (MS)
schleichende Verschlechterungen von Anfang an stattfinden, die als „progression independent of relapse activity“
(PIRA) bezeichnet werden und im Rahmen von „smoldering lesions“ (Schwelbrand) auftreten (Kappos et al. 2020;
Giovannoni et al. 2022). Um solche schleichenden Veränderungen klinisch erfassen zu können, ist die Expanded
Disability Status Scale (EDSS) nicht ausreichend sensitiv (Scalfari et al. 2024).

Fragestellung

Die vorliegende Studie untersucht, inwieweit Smartphone-basierte Erhebungen geeignet sind, um sensitiv Verlaufsveränderungen
bei Patient:innen mit MS (PmMS) zu erfassen.

Patient:innen und Methode

Insgesamt nahmen N = 40 PmMS an einem Rehabilitationsprogramm der Kliniken Schmieder teil. Vor, während und
nach der Rehabilitation wurden die Patient:innen aufgefordert, die Smartphone-App "Emendia" zu nutzen, die aus
der Applikation „Floodlight“ entwickelt wurde (Montalban et al. 2022). Die Applikation erlaubt es, Feinmotorik
(„Tomaten zerquetschen“, „Figuren zeichnen“), Gehfähigkeit (Kehrtwendetest), kognitive Defizite (Symbol Digit
Modality Test (SDMT)), Fatigue und den Patient Determined Disease Steps (PDDS) Score zu erheben. Mit einem
Multi-level-model wurden die Auswirkung des Rehabilitationsstatus (vor, während und nach der Rehabilitation)
sowie Veränderungen über die Zeit berechnet.

Ergebnis

Rehabilitation verbesserte die Modellanpassung für alle vier Tests („Tomaten zerquetschen“, „Figuren zeichnen“,
Kehrtwendetest, SDMT). Die Interaktion zwischen Rehabilitationsstatus und der Veränderung über die Zeit wurde
nur für den SDMT signifikant. Es ergab sich eine hohe Übereinstimmung zwischen EDSS, wie er von Neurolog:innen
bestimmt wird, und PDDS Score, wie er vom Patienten bzw. der Patientin mittels Emendia dokumentiert wird. Es
zeigte sich, dass viele Patient:innen motiviert waren, die Tests via Smartphone durchzuführen, wodurch Veränderungen
der Handmotorik, der Gehfähigkeit und der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit über die Zeit dargestellt
werden konnten. Es lässt sich nicht final unterscheiden, in welchem Ausmaß Verbesserungen der Symptome auf den
Rehabilitationseffekt oder auf einen Übungseffekt zurückzuführen sind.

Diskussion

Die derzeitig verfügbare immunmodulatorische Behandlung der MS ist vor allem hinsichtlich herdförmiger Entzündungen
und Schübe wirksam. Sollten in naher Zukunft Medikamente zugelassen werden, die die schleichende
Komponente der Entzündung unterdrücken, wird es wichtig werden, diese Komponente frühzeitig im Verlauf zu erfassen.
Wir sind sicher, dass sich mittels Smartphone-basierter Anwendungen wie Emendia in Ergänzung zu anderen
klinischen Maßnahmen die Dokumentation von Verläufen bei PmMS verbessern lässt und damit auch die sensitive
Identifikation progredienter Verläufe.

Danksagung

Wir bedanken uns bei der Firma Sandoz Hexal für die Finanzierung einer wissenschaftlichen Hilfsstelle (I.S.). Wir danken der Abteilung Patientenmanagement in Allensbach für ihre Unterstützung bei der Rekrutierung der Patient:innen.

Anmerkung

Das fertiggestellte Manuskript wird eingereicht bei der Zeitschrift Nervenheilkunde.

Literatur

Giovannoni, G., et al. (2022). Smouldering multiple sclerosis: The ‘real MS’. Therapeutic Advances in Neurological Disorders, 15, 175628}64211066751.

Kappos, L., et al. (2020). Contribution of Relapse-Independent Progression vs Relapse-Associated Worsening to Overall Confirmed Disability Accumulation in Typical Relapsing Multiple Sclerosis in a Pooled Analysis of 2 Randomized Clinical Trials. JAMA Neurology, 77(9), 1132–1140.

Montalban, X., et al. (2022). A smartphone sensor-based digital outcome assessment of multiple sclerosis. Multiple Sclerosis Journal, 28(4), 654–664.

Scalfari A., et al. (2024). Smouldering-associated worsening in Multiple Sclerosis: An international consensus statement on definition, biology, clinical implications, and future directions. Ann Neurol; 96(5):826-845.

Autor

Prof. Dr. Christian Dettmers
Ärztlicher Leiter Multiple Sklerose
Kliniken Schmieder Konstanz