Forschungsschwerpunkt

Therapie gestalten: Evaluation der Gütekriterien eines sensomotorischen Assessments in der Physiotherapie für Patient:innen der Neurologischen Frührehabilitation – Abschließende Ergebnisse

Hintergrund

Die Nutzung standardisierter Messinstrumente stellt einen wichtigen Bestandteil der physiotherapeutischen Behandlung dar. Denn regelmäßige Assessments sind unverzichtbar für die Befunderhebung, die Ergebnismessung und die Prognosestellung [1]. Im Bereich der neurologisch-neurochirurgischen Frührehabilitation (NNFR) existiert lediglich eine geringe Anzahl an Assessments, welche Auskunft über die Sensomotorik dieses schwer betroffenen Patient:innen geben kann. Aus diesem Grund wurde im Lurija Institut das „sensomotorische Assessment Physiotherapie“ (SeMoP) entwickelt, mit welchem es möglich sein soll, wichtige Bereiche der Sensomotorik von NNFR-Patient:innen zu testen. Das SeMo-P besteht aus vier Teilen, welche in sich abgeschlossen sind. Im SeMo_Sensibilität wird die Oberflächen- und Tiefensensibilität der unteren Extremität geprüft, das SeMo_PB beschäftigt sich mit der passiven Gelenkbeweglichkeit und das SeMo_AB mit der aktiven Gelenkbeweglichkeit der unteren Extremität. Im SeMo_Mobilität geht es um die Mobilität der Patient:innen. Das hier vorgestellte Projekt widmet sich der Evaluation der Gütekriterien der einzelnen Teile des Asses-sments.

Methode

Es handelt sich um eine psychometrische Studie welche in der NNFR der Kliniken Schmieder in Allensbach von 2021 bis 2024 durchgeführt wurde. Eingeschlossen in die Studie wurden Patient:innen innerhalb der ersten 7 Tage nach Aufnahme. Die Teilnahme erfolgte unabhängig vom Alter, der zugrundeliegenden Erkrankung, deren Dauer und Schwere. Zeitnah nach Aufnahme wurde mit den Patient:innen eine Testung (t1) durchgeführt, welche neben der Prüfung des SeMo-P  auch die Durchführung von zahlreichen weiteren frührehatypischen Assessments beinhaltete (z. B.: Barthel Index (BI), Frühreha-Index (FRI), Early Functional Abilities (EFA), Functional Ambulation Categories (FAC) oder Trunk Control Test (TCT)). Vier Wochen später (t2) wurde die gesamte Testbatterie wiederholt. Bei der Entlassung (t3) der Patient:innen wurde nochmals der BI und der  FAC ermittelt. Untersucht wurden in der Studie folgende Gütekriterien: Reliabilität (interne Konsistenz & Inter-Rater-Reliabilität), Validität (Kriteriums- und Konstruktvalidität) und Responsivität.

Ergebnisse

Eingeschlossen wurden 50 Patient:innen. Die Krankheitsbilder spiegeln realistisch die typische Belegung der Früh rehabilitation wieder (s. Tab. 1). Ebenso sprechen die in t1 erreichten Punkte im BI sowie im FRI für das typische Patient:innenklientel der NNFR.

Die Reliabilität gibt an, in welchem Ausmaß ein Test von Messfehlern beeinflusst wird [2]. Die interne Konsistenz als spezifischer Aspekt der Reliabilität beschreibt den Grad der Übereinstimmung der einzelnen Items eines Tests. Für die einzelnen Teile des SeMo-P zeigt sich eine sehr gute interne Konsistenz (Cronbachs Alpha zwischen 0,72 (SeMo_PB) und 0,97 (Se-Mo_AB)). Dies spricht dafür, dass die einzelnen Items innerhalb der einzelnen Teile stark miteinander korrelieren und davon ausgegangen werden kann, dass sie das jeweils untersuchte Konstrukt zuverlässig messen. Die Inter-Rater-Reliabilität, gibt Auskunft über den Grad der Übereinstimmung der Ergebnisse von unterschiedlichen Ratern, wenn sie dieselbe Person unter denselben Ausgangsbedingungen testen. Sie kann für das SeMo_PB als moderat (ICC2,1 = 0,71, p < 0,001) und für die anderen drei Teile als exzellent bewertet werden (ICC2,1 = 0,98 bis 0,99, p < 0,001).

Die Validität gibt Auskunft darüber, ob ein Test tatsächlich das misst, was er laut Beschreibung vorgibt zu messen [2]. Die Studie prüft für das SeMo_AB und das SeMo_Mobilität die konkurrente und prädiktive Kriteriumsvalidität und für das SeMo_Mobilität zusätzlich die Konstruktvalidität.

Die Kriteriumsvalidität untersucht ob die Ergebnisse eines neuen Assessments mit relevanten Außenkriterien korrelieren. Bei der konkurrenten Kriteriumsvalidität werden die Ergebnisse des Assessments zum Zeitpunkt t1 mit Außenkriterien korreliert, die ebenfalls zu t1 erhoben wurden. Dafür wurden in der Studie die Ergebnisse im SeMo_AB/ SeMo_Mobilität bei t1 mit der Gehfähigkeit (geprüft mit der FAC) bei t1 korreliert. Die Ergebnisse zeigen, dass das SeMo_AB/SeMo_Mobilität stark mit der erreichten Punktzahl in der FAC korreliert (rs = 0,64, p < 0,001/rs = 0,73, p < 0,001). Das SeMo_Mobilität (t1) zeigt außerdem einen starken Zusammenhang mit dem BI (t1) (rs = 0,69, p < 0,001).

Bei der prädiktiven Kriteriumsvalidität werden die Außenkriterien erst zu einem späteren Zeitpunkt (t3) erfasst. Die Ergebnisse im SeMo_AB/SeMo_Mobilität bei t1 wurden mit der Gehfähigkeit bei t3 korreliert. Das SeMo_AB korreliert hier moderat und das SeMo_Mobilität korreliert stark mit der FAC (rs = 0,52, p < 0,001/rs = 0,70, p < 0,001). Zusätzlich zeigt sich eine starke Korrelation zwischen dem SeMo_Mobilität (t1) und der Aufenthaltsdauer in der NNFR (rs = 0,70, p < 0,001) sowie dem BI bei t3 (rs = 0,70, p < 0,001). Als Fazit lässt sich festhalten, dass sowohl das SeMo_AB als auch das SeMo_Mobilität hypothesengemäß in einem engen Zusammenhang mit externen Kriterien steht. Dies spricht für eine gute konkurrente als auch prädiktive Kriteriumsvalidität.

Die konvergente Konstruktvalidität untersucht, ob die Ergebnisse des neuen Assessments inhaltlich und theoretisch begründet mit den Ergebnissen anderer, bereits etablierter Verfahren (Gold-Standard) korrelieren. Zum Zeitpunkt t1 zeigt sich eine signifikant sehr starke Korrelation sowohl zwischen dem SeMo_Mobilität und dem Sensomotorikteil der EFA (rs = 0,95, p < 0,001), als auch zwischen dem SeMo_Mobilität und dem TCT (rs = 0,91, p < 0,001). Die sehr starken Korrelationen sprechen für eine gute konvergente Konstruktvalidität, da das SeMo_Mobilität hoch mit bereits etablierten Messinstrumenten übereinstimmt.

Die Responsivität ist ein Maß für die Empfindlichkeit eines Assessments und gibt somit Auskunft darüber ob es in der Lage ist Veränderungen über einen bestimmten Zeitraum darstellen zu können. Das SeMo_Mobilität kann bei 97,8 % der Proband:innen eine Veränderung von t1 zu t2 erkennen, und schneidet somit von den vier Teilen am besten ab. Das SeMo_Sensibilität hingegen stellt lediglich bei 56,2 % der Patient:innen eine Veränderung fest. Dies liegt unter anderem daran, dass 40,6 % der Untersuchten bereits bei t1 die maximale Punktzahl erreicht haben (Deckeneffekt) und eine (positive) Veränderung dadurch nicht mehr möglich war. Das SeMo_PB kann bei 89,1 % und das SeMo_AB bei 91,3 % eine Veränderung feststellen. Es kann also festgehalten werden, dass drei der vier Teile zuverlässig bei über 80,0 % der Patient:innen Veränderungen feststellen können, wohingegen die Responsivität des SeMo_Sensibilität geringer erscheint.

Diskussion

Abschließend ist festzuhalten, dass die einzelnen Teile des SeMo-P gute bis sehr gute Resultate bezüglich der Gütekriterien erzielen. Vor allem das SeMo_Mobilität und das SeMo_AB weisen durchgehend sehr gute Ergebnisse auf. Das SeMo_PB zeigt geringere Werte im Bereich der Inter-Rater-Reliabilität und das SeMo_Sensibilität erscheint weniger änderungssensitiv als die übrigen Teile.

Ausblick

Die Ergebnisse der Evaluationsstudie werden derzeit zusammengefasst und sollen in einem wissenschaftlichen Paper publiziert werden. Langfristig ist eine EDV-basierte, digitale Implementierung des SeMo-P in die physiotherapeutische Praxis an den Frührehabilitationsstandorten der Kliniken Schmieder geplant, nicht nur zur Erfassung und Verlaufsdokumentation auf individueller Patient:innen-Ebene, sondern auch für eine begleitende klinische Rehabilitationsforschung.

Danksagung

Vielen Dank an die Physiotherapeut:innen der NNFR in Allensbach, welche die praktische Durchführung der Studie tatkräftig unterstützt haben (Hr. Boschert, Fr. Duwe, Fr. Grabowski, Fr. Staudenmaier, Fr. Moulin, Fr. Ruppert-Weitz, Fr. Siefert und Fr. Spiteri). Vielen Dank an Herr Dr. Dantlgraber für die statistische Beratung.

Literatur

Wirz M, Köhler B, Marks D et al. (2014). Lehrbuch Assessment in der Rehabilitation. 1. Aufl. Bern: Huber.

Döring N, Bortz J. (2016). Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. 5. Aufl. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin, Heidelberg.

Autor

Jana Stürner
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Lurija Institut

Prof. Dr. Joachim Liepert
Ärztliche Leitung Neurorehabilitation
Kliniken Schmieder Allensbach

Johannes Danke
Fachkompetenzleiter Physiotherapie
Kliniken Schmieder Allensbach