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Im Gespräch mit Dr. Aida Sehle

"Antworten auf bisher ungeklärte Fragen zu finden, das finde ich besonders spannend"

„Mit dem Fatigue Index Kliniken Schmieder können zum ersten Mal individuelle Aussagen über das Symptom bei MS-Patienten getroffen werden.“
Dr. Aida Sehle ist seit 2013 Sporttherapeutin in den Kliniken Schmieder Allensbach und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lurija Instituts. Sie forscht u.a. zur mentalen Chronometrie bei Patienten nach Schlaganfall, zu motorischen Leistungen nach Bewegungsvorstellungstraining und entwickelte den „Fatigue Index Kliniken Schmieder (FKS)“, der für Patienten, die an Multiple-Sklerose erkrankt sind, von Bedeutung ist.

Wie sind Sie zum Lurija Institut gekommen?

Sehle: Ich habe an der Universität Konstanz Sportwissenschaft studiert. In einer Einführungsveranstaltung dort habe ich zum ersten Mal über die langjährige und erfolgreiche Kooperation zwischen der Universität Konstanz und dem Lurija Institut im Bereich der Forschung in der Neurologischen Rehabilitation erfahren. Einige Zeit später habe ich mein Praxissemester im Bereich der Sporttherapie in den Kliniken Schmieder Konstanz absolviert. Hier wurde mein Interesse für die Neurorehabilitation geweckt, und auch Kollegen machten mich erneut auf das Lurija Institut aufmerksam. Nach dem Praktikum stand dann die Entscheidung fest, meine Abschlussarbeit in dem Bereich zu machen.

Was finden Sie an der Arbeit im Lurija Institut besonders spannend?

Sehle: Trotz weltweit intensiver Forschung auf dem Gebiet der Neurorehabilitation gibt es derzeit noch viele ungeklärte Fragestellungen, was u.a. die Diagnostik und Therapie bestimmter neurologischer Erkrankungen oder ihrer Symptome betrifft. Wir greifen diese Fragestellungen auf und arbeiten intensiv an Lösungen. Dafür sind viele Arbeitsschritte notwendig. Es geht von der Literaturrecherche über die Hypothesenaufstellung, Studienplanung und Studiendurchführung bis zum Auswerten der erhobenen Daten, Interpretation und Diskussion der Daten und letztendlich deren Publikation. Neue Erkenntnisse zu gewinnen und die Antworten auf bisher ungeklärte Fragen zu finden, finde ich besonders spannend an meiner Arbeit. Zudem präsentieren wir unsere Ergebnisse nicht nur in einer Publikation, sondern auch auf verschiedenen Kongressen und Tagungen, was einen zusätzlichen Austausch zu unseren Forschungsergebnissen bietet. 

Was sind Ihre Forschungsschwerpunkte?

Sehle: Im Rahmen meiner Doktorarbeit unter der Leitung von Prof. Dr. Dettmers und Prof. Dr. Vieten habe ich mich mit dem Thema „Quantifizierung motorischer Fatigue durch  Bewegungsanalyse – Entwicklung und Evaluation eines neuen Diagnostikverfahrens bei Patienten mit Multipler Sklerose“ beschäftigt.

Können Sie das genauer erklären – was ist Fatigue und warum sollte man dazu forschen?

Sehle: In der Neurologie ist Fatigue eines der häufigsten Symptome. Unter Fatigue wird eine stark ausgeprägte körperliche sowie kognitive Erschöpfung verstanden. Fatigue beeinflusst die Lebensqualität der Patienten negativ und wird oft bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS), nach einem Schlaganfall oder nach einem Schädelhirntrauma oder anderen neurolgischen Erkrankungen beobachtet. Dieses Forschungsprojekt beschäftigte sich mit Fatigue bei Patienten mit MS und nach einem Schlaganfall. Insbesondere bei MS gilt Fatigue als größte Beeinträchtigung im alltäglichen Leben und ist einer der Hauptgründe für Erwerbsunfähigkeit, was zu einer hohen wirtschaftlichen Belastung führt. Trotz des häufigen Auftretens dieses Symptoms und seiner teilweise schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen existierten bisher keine Messinstrumente und -verfahren, welche motorische Fatigue objektiv erfassen können. In dieser Arbeit beschäftigten wir uns mit der Entwicklung und Testung eines Verfahrens zur objektiven Messung von motorischer Fatigue bei Patienten mit Multipler Sklerose und nach einem Schlaganfall. Hierfür wurden insgesamt drei Studien erfolgreich durchgeführt. In diesem Zusammenhang entwickelten wir ein neues Verfahren zur Erfassung von motorischer Fatigue. Dafür wurde der Fatigue Index Kliniken Schmieder (FKS) entwickelt. Mit Hilfe des FKS konnten zum ersten Mal Aussagen bezüglich des Fatigue-Symptoms in Bezug auf individuelle Patienten getroffen werden. Weitere Projekte, in denen ich mitarbeite, sind die der Forschungsgruppe von Prof. Dr. Joachim Liepert.

Welche Fortsetzung wünschen Sie sich für Ihre Forschungsprojekte?

Sehle: Ich freue mich sehr auf die weitere Arbeit im Lurija Institut. In weiteren Studien könnten folgende Forschungspunkte überprüft werden: Der FKS sollte an weiteren neurologischen Krankheitsbildern, die ebenso von motorischer Fatigue betroffen sind, getestet werden. Vielversprechend wäre auch eine Kombination des neuen Verfahrens während des Belastungstests mit elektrophysiologischen Messungen. So könnten die krankheitsbezogenen Mechanismen, die für die Entstehung und Entwicklung der motorischen Fatigue verantwortlich sind, genauer untersucht werden.

Studienorte und Studienfächer
2009: Master Sportwissenschaft, Universität Konstanz
2015: Promotion, Universität Konstanz

Bisherige und momentane Tätigkeiten
seit 2013: Sporttherapeutin und wissenschaftl. Mitarbeiterin, Kliniken Schmieder
2011-2013: Wissenschaftliche Hilfskraft, Universität Konstanz
seit 2008: Sporttherapeutin

Handidentifikation und mentale Chronometrie bei Schlaganfall-Patienten

Kortikale Inhibition u. motorische Leistungen nach Bewegungsvorstellungstraining

Passive repetitive sensible elektrische Stimulation motorischer Funktionen

Training außerhalb der Therapiezeit am ArmeoSpring (Armroboter)

Motorische Erregbarkeit bei Patienten mit Rechts-Links-Desorientierung

Temporäre Deafferenzierung durch kutane Anästhesie

Sehle A, Vieten M, Mündermann A, Dettmers C. Difference in Motor Fatigue between Patients with Stroke and Patients with Multiple Sclerosis: A Pilot Study. Frontiers in Neurology, 2014, 22(5): 279.

Sehle A, Vieten M, Sailer S, Mündermann A, Dettmers C. Objective assessment of motor fatigue in multiple sclerosis: the Fatigue index Kliniken Schmieder (FKS). Journal of Neurology, 2014,261(9): 1752-62.
 
Vieten MM, Sehle A, Jensen LR. A Novel Approach to Quantify Time Series Differences of Gait Data Using Attractor Attributes. PLoS ONE, 8(8): e71824.

Sehle A, Mündermann A, Starrost K, Sailer S, Becher I, Dettmers C, Vieten M. Objective assessment of motor fatigue in multiple sclerosis using kinematic gait analysis: A pilot study. Journal of NeuroEngineering and Rehabilitation, 2011,8: 59.

Bei der Messung des „Fatigue Index Kliniken Schmieder“ wird das Gangbild des Patienten einer genauen Beobachtung unterzogen.