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Im Gespräch mit Dr. Jennifer Randerath

"Die Funktionen der motorischen Kognition sind unglaublich wichtig für unsere Unabhängigkeit"

Die Zusammenarbeit von Universität und Klinik ist ein wichtiger Aspekt in der Forschungsarbeit von Dr. Jennifer Randerath
Dr. Jennifer Randerath ist seit 2014 Dozentin für Klinische Neuropsychologie an der Universität Konstanz. Zu ihren Forschungsthemen gehören Motorische Kognition, Apraxiediagnostik und Rehabilitation sowie Läsionsanalysen. Ein besonderer Schwerpunkt ist jedoch die Motorische Kognition, die sich mit Fragen beschäftigt, wie z.B. sinnvolle Bewegungen im Gehirn geplant werden. Und damit forscht sie an einer Schnittstelle zur Neurorehabilitation, in der Patienten wieder ihre Unabhängigkeit erlangen wollen, indem sie ihre Funktionseinschränkungen verbessern.

Wie sind Sie zum Lurija Institut gekommen?

Randerath: Während des Abschlusses meiner Trainingsphase in den USA gab es am Zukunftskolleg der Universität Konstanz eine Stellenausschreibung für Rückkehrer aus dem Ausland (Marie Curie Programm). Aufgrund meiner Forschungsinteressen habe ich in der Bewerbungsphase die Möglichkeiten der Anbindung der Universität an die im Raum ansässigen Kliniken Schmieder recherchiert. Das Lurija-Institut repräsentiert diese Zusammenarbeit, so wie ich es mir erhofft hatte. Letztlich hatte es einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Entschluss, mich auf das Programm an der Universität Konstanz zu bewerben.

Was finden Sie an der Arbeit am Lurija Institut besonders spannend?

Randerath: Das Lurija Institut ermöglicht den Transfer des generierten Wissens von der Universität in die Klinik. Beispielsweise heißt das, dass wir an der Uni nicht nur Tests für Patienten entwickeln, sondern dann auch die funktionelle Anwendung bewerten können – also ob, wie und wann diese Verfahren idealerweise für diagnostische Zwecke an der Klinik eingesetzt werden können. Von der Entwicklung bis zur Anwendung steht dabei von Anfang an der Patient im Mittelpunkt. Das Lurija Institut bietet außerdem den Austausch mit Experten in der Klinik und eröffnet damit wichtige Kollaborationsmöglichkeiten.

Was sind Ihre Forschungsschwerpunkte?

Randerath: In der Klinischen und Kognitiven Neuropsychologie habe ich mich auf die Motorische Kognition spezialisiert. In meiner Arbeitsgruppe schauen wir uns an, wie Aspekte der motorischen Kognition funktionieren, welche Aufgaben nach Schlaganfall beeinträchtigt sein können und welche Gebiete im Gehirn für diese Funktionen aktiv werden, beziehungsweise welche Hirnareale besonders wichtig sind. Wir schauen uns also die Patienten bei verschiedenen Aufgaben zur Motorischen Kognition an. Zusätzlich analysieren wir anhand bestehender Hirnscans welche Areale im Gehirn bei diesen Patienten vom Schlaganfall betroffen sind. Diese so genannten Läsionsanalysen zeigen Zusammenhänge von bestimmten Funktionsdefiziten und betroffenen Arealen.

Was sind denn Funktionen der Motorischen Kognition? Warum sind sie wichtig?

Randerath: Motorische Kognition beinhaltet unter anderem das Planen von sinnvollen Bewegungen. Man ist sich heutzutage einig, dass die linke Hirnhälfte hierbei eine besondere Rolle spielt. Sinnvolle Bewegungen können beispielsweise die Nutzung von Werkzeugen und Objekten darstellen. Dazu ruft man unter anderem das erlernte Wissen darüber ab, was man mit einem bestimmten Werkzeug machen kann, und wie man die typische Bewegung mit dem Werkzeug ausführt. Wenn Patienten eine Beeinträchtigung in diesen Aufgaben zeigen, so spricht man zumeist von einer Werkzeug-Apraxie.

Das sind ja dann Fähigkeiten, die vor allem wichtig zur Bestreitung des Alltags sind.

Randerath: Ja, genau. Die Funktionen der Motorischen Kognition sind unglaublich wichtig für unsere Unabhängigkeit im Alltag. Und obwohl es zunächst vielleicht trivial erscheint, weil wir sie so scheinbar automatisch im Alltag anwenden, so darf man die Komplexität der Fähigkeit keinesfalls unterschätzen.

Welche Fortsetzung wünschen Sie sich für Ihre Forschungsprojekte?

Randerath: Wir haben im letzten Jahr eine Test-Batterie zusammengestellt, um die Werkzeug-Apraxie zu messen. Im nächsten Schritt möchten wir die Wirksamkeit eines Rehabilitationsansatzes für Werkzeug-Apraxie prüfen.

Wir werden uns auch noch andere Funktionen der Motorischen Kognition ansehen, die ich noch nicht angesprochen hatte. Ein Beispiel dafür ist die Entscheidungsfähigkeit, ob eine Bewegung überhaupt möglich ist, bevor man sie ausführt. Dazu muss man sowohl die Eigenschaften der Objekte in der Umwelt als auch die Grenzen des eigenen Körpers korrekt wahrnehmen. Die Beeinträchtigungen dieser Fähigkeit nach Schlaganfall sind noch wenig erforscht. Es besteht also Bedarf, angemessene Diagnostikinstrumente zu entwickeln bzw. zu verfeinern und anzuwenden.

Studienorte und Studienfächer
2002: Vordiplom an der Justus-Liebig Universität Giessen
2006: Diplom an der RWTH-Aachen

Bisherige und momentane Tätigkeiten
07/2006–09/2009: Doktorandin Klinikum München Bogenhausen & RWTH-Aachen
2009–2014: Wissenschaftliches Postdoktorales Training in den USA
10/2009–11/2011: University of Oregon
11/2011–04/2014: University of Missouri

Seit 2014: Universität Konstanz
04/2014–08/2015: Dozentin für Klinische Neuropsychologie
10/2015–10/2016: Vertretungsprofessorin für Klinische Neuropsychologie
08/2015–12/2020: Marie Curie Forschungs-Stipendiatin, Zukunftskolleg, Leiterin der Arbeitsgruppe Motorische Kognition

Allgemein: Klinische und Kognitive Neuropsychologie

Speziell: Motorische Kognition, Apraxie-Diagnostik und Rehabilitation, Läsionsanalysen

Randerath J, Frey SH. Diagnostics and Training of Affordance Perception in Healthy Young Adults-Implications for Post-Stroke Neurorehabilitation. Front Hum Neurosci, 2016 Jan 6; 9: 674.

Randerath J, Goldenberg G, Spijkers, Li Y, Hermsdorfer J. From pantomime to actual use: how affordances can facilitate actual tool-use. Neuropsychologia, 2011;49(9): 2410-6.

Randerath J, Goldenberg G, Spijkers W, Li Y, Hermsdorfer J. Different left brain regions are essential for grasping a tool compared with its subsequent use. Neuroimage, 2010; 53(1): 171-180.

    Die Auswahl des richtigen Werkzeugs für eine bestimmte Handlung kann für Patienten mit Werkzeugapraxie schwierig sein - ein Problem, mit dem sich ein Forschungsgebiet von Dr. Randerath beschäftigt.