Zu den Inhalten springen
Schriftgröße
+
Im Gespräch mit Forschungsdirektor Prof. Dr. Cornelius Weiller

„Ich war neugierig, was sich da am Bodensee entwickelt“

Prof. Dr. Cornelius Weiller
Prof. Dr. Cornelius Weiller ist einer der renommiertesten Neurologen und Neurowissenschaftler Deutschlands. Der Ärztliche Direktor der neurologischen Universitätsklinik Freiburg ist seit 2003 Forschungsdirektor des Lurija Instituts für Rehabilitationswissenschaften und Gesundheitsforschung in Allensbach. Seither begleitet er die Forschungsarbeit, unterstützt und berät sowohl die Geschäftsführung des Instituts als auch die Wissenschaftler selbst.

Sehr geehrter Herr Prof. Weiller, was hat Sie dazu bewogen, sich beratend für das Lurija Institut zu engagieren?

Weiller: Ich erinnere mich, dass ich die Arbeit des Lurija Instituts schon seit seiner Gründung mit Interesse aus Hamburg verfolgt habe. Die Forschungsinhalte des Instituts überschnitten sich auch mit meinen Interessen und das Institut beschäftigte sich mit Fragen, die ich ebenfalls spannend fand, z.B. wie sehr die Hirnforschung die Rehabilitation von neurologisch erkrankten Menschen unterstützen kann. Ungewöhnlich war auch, dass eine private Klinikgruppe ein Forschungsinstitut unterhält. Etwas in Deutschland sehr Seltenes. Ich war also neugierig auf das, was sich da am Bodensee entwickelt und sagte sofort zu, als Frau Dr. Schmieder mich anschrieb, ob ich mir vorstellen könne, als Kuratoriumsvorsitzender das Lurija Institut in seiner Entwicklung zukünftig zu begleiten.

Wie hat sich die Arbeit des Instituts seither entwickelt?

Weiller: Damals dominierte noch die Forschung mit der Elektro-Enzephalographie (EEG) das Institut, doch es gab das Bestreben die Forschung auch an der Magnetresonanz-Tomographie (MRT) auszurichten. Diese Neuausrichtung sollte mit der Anschaffung eines eigenen MRTs angestoßen werden. Nach Inbetriebnahme gab es erste Kooperationen und einige kleine Studien entstanden damals, die im Lauf der Jahre immer besser wurden. Zugleich intensivierten sich die Kontakte zur Universität Konstanz und zu den dortigen Wissenschaftlern wie Prof. Rockstroh und Prof. Elbert. Weitere Fachbereiche außerhalb der Medizin wie die Psychologie oder die Sportwissenschaften kooperierten. Zudem wurden Professuren formal an der Uni Konstanz als auch in Freiburg verankert und das Mehr an Engagement führte schließlich dazu, dass das Lurija Institut inhaltlich an Bedeutung gewann. Später kam die Forschung von Prof. Schoenfeld aus Magdeburg dazu, aber auch das interne Ziel und die Empfehlung des Kuratoriums, standortübergreifend zusammenzuarbeiten und die großen Fallzahlen einer Klinikgruppe mit einem Spezialgebiet zu nutzen. Ebenfalls wurden seither Drittmittel eingeworben und man nahm an klinischen Studien teil.

Welche Frage finden Sie in der neurologischen Rehabilitationsforschung aktuell am wichtigsten?

Weiller: Was an Bedeutung gewinnt, weiß man nie so genau. Mode ist derzeit „Biomarker“ zu finden im Verhalten oder im genetischen Print, in der Bildgebung oder in der Elektrophysiologie. Damit möchte man Vorhersagen treffen können, wie gut sich jemand erholt, welches Potenzial er hat, oder auch welche Therapien für ihn am besten sein könnten. Es ist ein großes Interesse da, die Wirkung von Therapien auf das Gehirn genauer zu untersuchen. Das sieht man z.B. an aktuellen Forschungsprojekten zur intensiven Aphasietherapie oder auch zu Interaktionen in der Gruppe, die sowohl für die Motorik als auch für die Sprache interessant sind. Abgesehen von der Motorik und der Sprache ist auch der Bereich der kognitiven Rehabilitation spannend, in dem Aufmerksamkeit, die Behandlung von Fatigue (vorzeitige Ermüdung) oder allgemein Leistungsverbesserungen im Fokus stehen.

Welches Thema wird überschätzt?

Weiller: Überschätzt werden meines Erachtens die therapeutischen Effekte der (externen) elektrischen Stimulationen (TMS, tDCS) oder auch die Inhibition der „gesunden“ Hirnhälfte, mit der man vermeintlich negative Effekte auf die geschädigte Hirnhälfte unterbinden möchte. Auch die Brain-Machine-Interfaces, Neuroprothesen oder auch Gehirn-Maschine-Schnittstellen genannt, sind als „Ersatz“ stark überschätzt, aber neurowissenschaftlich natürlich hochinteressant. Für die Rehabilitation im Sinne, dass sie gelähmte Arme ersetzen, werden sie jedoch  keine großen Effekte bringen, als Feedback zum Wiedererlernen verlorengegangener Fähigkeiten mögen sie uns helfen.

Zwischen Wissenschaft und Praxis klaffen vielerorts Lücken, weil Reha-Kliniken häufig auf die Patientenversorgung konzentriert sind. Was ist zu tun, um die wissenschaftliche Weiterentwicklung dennoch zu sichern?

Weiller: Eventuell müsste man die Rehakliniken stärker an Universitätskliniken ansiedeln. Da es sich um medizinische Rehabilitation handelt, sollte sie auch bei den medizinischen Fakultäten liegen, denn die wissenschaftliche Tätigkeit an Rehakliniken muss sich den strikten Normen einer guten Wissenschaft unterziehen und ihre Anforderungen müssen genauso hoch sein, also wirklich universitäres Niveau haben. Kurz gesagt: Wenn man Forschung an der Rehabilitation machen will, dann gehört idealiter die Rehabilitation an die Universität.

Welchen Rat möchten Sie unseren Forschern mitgeben?

Weiller: Die Rahmenbedingungen in der Medizin werden für fast alle Beteiligten immer schwieriger, im Falle der Wissenschaft auch vor allem für die habilitierten Chefärzte, die sowieso schon den Spagat zwischen einer hervorragenden Krankenversorgung unter immer schwierigeren wirtschaftlichen Bedingungen und ihren wissenschaftlichen Interessen machen müssen. Die zunehmenden Aufgaben betriebswirtschaftlicher, administrativer und organisatorischer Natur können kaum noch kompensiert werden. Die Weiterentwicklung des Forschungsgebietes bleibt dabei leider oft auf der Strecke, weil der Patient eben immer vorgeht. Deshalb wünsche ich jedem, dass er diesen schwierigen Ausgleich trotz der täglichen Belastung noch schaffen kann.

seit 2005: Ärztlicher Direktor der neurologischen Universitätsklinik Freiburg
1999–2005: Ärztlicher Direktor der neurologischen Universitätsklinik Hamburg
1996–1999: Ärztlicher Direktor der neurologischen Universitätsklinik Jena
1991–1996: Oberarzt an der neurologischen Universitätsklinik Essen
1990–1991: Postdoc Hammersmith Hospital, London
seit 2003: Forschungsdirektor des Lurija Instituts, Allensbach

Weiller C, May A, Limmroth V, Jüptner M, Kaube H, v. Schayck R, Coenen HH, Diener HC (1995) Brain stem activation in spontaneous human migraine attacks. Nature medicine 1: 658-660.

Weiller C., Chollet F, Wise RJS, Friston K., Frackowiak RSJ (1992) Functional reorganisation of the brain in recovery from striatocapsular infarction in man. Annn Neurol 31: 463-472.

Liepert J, Bauder U, Miltner WHR, Weiller C (2000) Treatment induced cortical reorganisation after stroke in humans. Stroke; 31: 1210-1216.

Weiller C, Ramsay SC, Wise RJS, Friston KJ, Frackowiak RSJ (1993) Individual patterns of functional reorganization in the human cerebral cortex after capsular infarction. Ann Neurol 33: 181-189.

Warburton E, Wise RJS, Price CJ, Weiller C, Hadar U, Ramsay S, Frackowiak RSJ (1995) Studies with Positron Emission Tomography of Noun and Verb Retrieval by Normal Subjects. Brain 119: 159-179.

Howard D, Patterson K, Wise R, Brown WD, Friston K, Weiller C, Frackowiak RSJ (1992) The cortical localisation of the lexicons: PET evidence. Brain 115: 1769-1782.

Weiller C., Isensee C., Rijntjes M., Huber W., Müller S., Bier D., Dutschka K., Woods R., Noth J., Diener HC (1995) Recovery from Wernicke’s Aphasia – A PET Study. Ann Neurol 37: 723-732.

Ringelstein EB, Biniek R, Weiller C, Ammeling B, Nolte P,Thron A (1992) Type and extent of hemispheric brain infarctions and clinical outcome in early and delayed middle cerebral artery recanalization. Neurology 42: 289-298.

Liepert J, Miltner WHR, Bauder H, Sommer M, Dettmers C, Taub E, Weiller C (1998) Motor cortex plasticity during constraint-induced movement therapy in stroke. Neurosc Lett 1998, 250: 5-8.

„Neben Motorik und Sprache ist auch der Bereich der kognitiven Rehabilitation spannend, in dem Aufmerksamkeit, Fatigue oder allgemeine Leistungsverbesserungen im Fokus stehen.“