Von einem Schädelhirntrauma (auch SHT) spricht man bei Verletzungen der Kopfschwarte, des Schädels und des Gehirns, durch äußere Gewalteinwirkung. Die Verletzungen können einzeln oder kombiniert vorliegen – in jedem Fall wird das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen. Bis zu 270.000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich ein SHT. Je nach Schwere des Traumas können flüchtige Funktionsstörungen bis zu schwersten Störungen mit der Notwendigkeit der intensivmedizinischen Behandlung und operativen Therapie vorliegen.
Mit 18 Jahren erlitt Gudrun Schottke einen schweren Verkehrsunfall. Die Verletzungen waren so gravierend, dass die Ärzt:innen sie zeitweise bereits für tot hielten. Ihr Gesicht war kaum wiederzuerkennen, die Prognose hoffnungslos. Doch sie gab nicht auf. Heute blickt die Bremerin auf einen langen Weg zurück – und darauf, wie sie mithilfe der Reha zurück ins Leben gefunden hat.
1973 hatte ich mit 18 Jahren in Niedersachsen einen schweren Verkehrsunfall. Die Folgen waren verheerend: ein Schädelhirntrauma, Gehirnblutungen und ein Kiefertrümmerbruch. Außerdem waren meine Muskeln teilweise gelähmt, mein Arm und meine Kniescheibe gebrochen.
An den Moment vor dem Unfall erinnere ich mich noch: Wir saßen zu viert im Auto, ich vorne auf dem Beifahrersitz. Meine Freunde auf der Rückbank wurden durch die Heckscheibe geschleudert, während wir beiden vorne Sitzenden seitlich aus dem Wagen flogen. Ich hatte unglaubliches Glück – ich habe nur knapp einen Leitpfosten verfehlt. Sonst wäre ich vermutlich sofort gestorben.
Ich wurde in ein Akutkrankenhaus gebracht und bekam eine Sitzwache ans Bett gestellt. In der Zwischenzeit war die Polizei bereits bei meinen Eltern und informierte sie über meinen Zustand. Später erzählten sie mir, dass mein Gesicht völlig entstellt war – blau, geschwollen, kaum wiederzuerkennen, sogar dicker als ein Oberschenkel. Man sagte ihnen, dass ich das vermutlich nicht überleben würde. Einmal war die Sitzwache kurz nicht im Zimmer, weil sie dachte, ich sei bewusstlos. Doch ich war es nicht. In diesem Zustand habe ich mir alles vom Körper gerissen, sogar den OP-Kittel ausgezogen, und bin durch das Krankenhaus gelaufen. Jemand fand mich schließlich im Flur. Bei der Untersuchung stellten die Ärzte fest, dass sich inzwischen ein gefährlicher Hirndruck aufgebaut hatte.
Am frühen Morgen wurde ich in die Neurochirurgie gebracht. Zeitweise galt ich sogar als tot. Insgesamt lag ich drei Monate im Koma. Doch dann bin ich, wie durch ein Wunder, wieder aufgewacht. Kurz darauf wurde ich erneut bewusstlos, weil mein Kiefer ohne Narkose operiert wurde und ich die Schmerzen nicht ausgehalten habe. Aber ich kam zurück. Ich lebte.
Nach dieser Zeit hielten mich meine Ärzte für geistig schwer beeinträchtigt. Ich konnte nicht sprechen und verstand kaum Zusammenhänge. Menschen redeten mit mir, aber es kam nichts bei mir an. Die Ärzte sagten mir, das würde so bleiben und ich müsste mein Leben in einer Einrichtung verbringen. Doch nach etwa einem Jahr wurde es langsam besser. Mein Vertrauensarzt erkannte, dass ich Potenzial hatte gesund zu werden und empfahl dringend eine Reha, um meine Fähigkeiten weiter zu fördern.
Mit viel Glück kam ich schließlich in die Kliniken Schmieder nach Gailingen. Damals war vieles noch anders organisiert. Die Therapien fanden teils verteilt auf verschiedene Häuser im gesamten Dorf statt, und auf dem Berg gab es sogar ein Schwimmbad in einem großen Zelt. Auch habe ich Prof. Schmieder noch kennenlernen dürfen.
Ich bekam sehr vielfältige Therapien: Gedächtnis-, Konzentrations- und Reaktionstraining. Schritt für Schritt kehrten meine geistigen Fähigkeiten zurück. Ich konnte wieder sprechen, wieder verstehen, wieder am Leben teilnehmen. Die Reha hat mir im Grunde mein Leben zurückgegeben. Das sage ich aus tiefstem Herzen. Ich glaube nicht, dass eine andere Klinik das geschafft hätte. Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die dort arbeiten. Auch habe ich das Gefühl, dass man hier für ernst genommen wird. Andere hätten mich wahrscheinlich für bekloppt gehalten, weil ich anfangs nicht sprechen konnte.
Auch heute noch empfinde ich die Klinik als etwas Besonderes. Allein schon, dass man sich zwischen den Häusern bewegen muss, fördert bei mir heute wie damals die Mobilität. Heute liebe ich auch sehr die Wassergymnastik. Wasser war schon immer mein Element, ich komme schließlich von der Nordsee.
Heute stehe ich hier, bin nicht pflegebedürftig und habe sogar sieben Kinder bekommen, obwohl mir damals dringend davon abgeraten wurde. Ich konnte zwar nicht mehr arbeiten und bin früh in Rente gegangen, aber ich habe mir mein Leben ein Stück weit selbst aufgebaut.
Ich wünsche mir, dass die Klinik weiterhin so bleibt, wie sie ist und dass Patienten niemals aufgeben. So wie ich damals nicht aufgegeben habe.