«Ich bin eine Kämpferin.»

Tamara Tögel / Schädel-Hirn-Trauma

MIT UNBRECHBAREM WILLEN UND EINEM LÖWENHERZ VERSETZT TAMARA TÖGEL BERGE

«Was ich anderen Patienten rate? Positiv denken!»

Schädel-Hirn-Trauma

Von einem Schädel-Hirn-Trauma spricht man bei Verletzungen der Kopfschwarte, des Schädels und des Gehirns, welche durch äußere Gewalteinwirkung entstehen. Ursachen sind vor allem Verkehrsunfälle und Stürze. Die Verletzungen können einzeln oder kombiniert vorliegen – in jedem Fall jedoch wird das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen. Sogenannte Sekundärschäden können durch eine schlechte Hirndurchblutung oder durch das „Einklemmen“ von anschwellenden Hirnteilen in vorgeformten Knochenhöhlen oder Bindegewebsstrukturen des Schädels auftreten.

Tamara Tögels große Leidenschaft sind Pferde. Doch auf einem ihrer Ausritte scheut ihre Tinker-Stute Marilyn und sie stürzt – das schwere Pferd fällt auf sie. Etwa zwei Stunden liegt sie im kalten Januar-Wald, bis sie schließlich gefunden und ins Krankenhaus gebracht wird. Am Ende des Tages ist klar: Die junge alleinerziehende Mutter hat ein Schädel-Hirn-Trauma mit Hirnblutung, eine Unzahl an Knochenbrüchen sowie zahlreiche weitere Verletzungen erlitten – und ihr Überleben hängt in der Schwebe.

„Vor diesem Unfall bin ich noch nie gestürzt beim Reiten. Aber da war plötzlich ein Reh im Unterholz, und Marilyn hat sich erschreckt. Auf dem eisigen Untergrund kamen wir ins Straucheln und sie stürzte mit ihren 800 Kilo auf mich. Als sie später gesattelt im Stall auftauchte, haben sich die Leute dort natürlich Sorgen gemacht und mich gesucht. An Schmerzen oder irgendwelche Gedanken kann ich mich nicht erinnern. Ich lag einfach nur da. Anscheinend habe ich wohl einen Ton von mir gegeben – so wurde ich dann gefunden. Mit dem Rettungswagen ging’s ins Krankenhaus in Reutlingen, dann weiter nach Tübingen. Schulterblätter, Rippen, Becken, Wirbelsäule – alles war gebrochen. Auch Hirnblutungen hatte ich – trotz Reithelm. Ich wurde in ein künstliches Koma versetzt und die Ärzte haben meiner Familie keine Hoffnung gemacht. ‚Sie wird es wohl nicht schaffen‘, hieß es. Aber ich bin eine Kämpferin.

Als ich nach drei Wochen wieder die Augen aufgemacht habe, waren alle ganz überrascht. Ich konnte nicht sprechen und habe von der Hüfte abwärts nichts mehr gespürt. Mein Rücken, der seither voller Schrauben und Metallplatten ist, tat höllisch weh. Aber etwas in mir wusste: Ich schaffe das. Auch als es dann später hieß, dass ich für immer stark behindert bleiben würde und nicht mehr richtig sprechen können würde, habe ich das nicht wirklich geglaubt. Ich habe eine fünfjährige Tochter – sie ist mein Ein und Alles und ich will möglichst bald wieder für sie da sein. Dieses Ziel gibt mir unglaublich viel Kraft.

Als ich Ende März von Tübingen in die Kliniken Schmieder Allensbach in die Phase B kam, war ich anfangs noch komplett hilflos. Aber Schritt für Schritt habe ich meine Selbstständigkeit wieder zurückgewonnen. Das Sprechen habe ich ziemlich schnell wieder gelernt, die größten Baustellen waren und sind das Gehen und kognitive Fähigkeiten wie etwa mein Gedächtnis. Das wird hier alles sehr stark gefördert: Egal ob PC-gestützte Neuropsychologie, Medizinische Trainingstherapie, Gedächtnisgruppe, Laufband, Vector-Gehtraining, Rollator – ich nehme von allen Therapien etwas mit. Besonders die Werktherapie macht mir Spaß.

Mittlerweile bin ich in der Phase D und wenn mich andere Patienten auf dem Flur sehen, dann gratulieren sie mir zu meinen tollen Fortschritten. Ich habe zwar immer daran geglaubt, dass ich das schaffe, aber ich bin überrascht, wie schnell es ging. Auch die Therapeuten und Ärzte haben gestaunt. Vor ein paar Monaten in Tübingen hieß es noch, dass ich nicht überleben würde, und jetzt laufe ich mit dem Rollator über die Flure.

Immer sonntags besucht mich meine Tochter zusammen mit meinen Eltern. Als sie meine ersten Gehversuche gesehen hat, hat sie sich total mit mir gefreut. ‚Mami, super!‘. Und dann gleich: ‚Lass uns Verstecken spielen!‘. Ich vermisse sie wirklich sehr – das ist für mich das Schwierigste in dieser Situation. Aber bis sie wieder bei mir sein kann, ist sie bei meinen Eltern gut aufgehoben. Der Unfall hat mir wirklich gezeigt, wie wertvoll unser Familienzusammenhalt und meine Freundschaften sind.  Ich bin ihnen allen so dankbar. Einmal kamen mich die Leute vom Hof, wo ich die Reitbeteiligung habe, sogar hier in die Klinik mit Marilyn besuchen. Das war eine wundervolle Überraschung und gab sehr viel Auftrieb. Auch die ganzen Leute hier bei Schmieder haben mich unglaublich unterstützt. Diese motivierende Freundlichkeit hat für mich den Unterschied gemacht.  

Meine nächsten Ziele sind, wieder alleine Laufen und Treppensteigen zu können. Und irgendwann auch wieder zu Reiten. Ich möchte auf jeden Fall auch wieder in meinen Job als Kauffrau im Einzelhandel einsteigen. Aber was mir am Wichtigsten ist: wieder bei meiner Tochter zu sein.

Was ich anderen Patienten rate? Positiv denken! Auch wenn es mal eine Weile keinen Fortschritt gibt. Bei manchen geht es schneller voran, bei anderen dauert es vielleicht länger – einfach immer weitermachen und nie aufgeben!“

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